Magnetpulse gegen das Stimmenhören

Diese Grafik zeigt das Hirnareal, das beim Stimmenhören eine wichtige Rolle spielt - und das sich durch TMS hemmen lässt. (Foto: Universität Caen)

Das Stimmenhören ist eines der prägendsten und verstörendsten Symptome einer Schizophrenie - und bisher nur schwer behandelbar. Jetzt liefert eine französische Pilotstudie neue Einblicke darin, wo im Gehirn diese akustischen Halluzinationen entstehen. Gleichzeitig weckt sie Hoffnung auf eine schonende und wirksame Therapie: Gezielte durch den Schädel applizierte Magnetpulse könnten die lästigen und oft angstmachenden Stimmen zum Verstummen bringen – und das nachhaltig und ohne starke Nebenwirkungen.

Unter einer Schizophrenie leidet etwa ein Prozent der Bevölkerung, allein in Deutschland gibt es rund 800.000 Schizophrenie-Kranke. Damit treten diese Psychosen immerhin fast genauso häufig auf wie ein insulinpflichtiger Diabetes. Wie sich diese meist im jungen Erwachsenenalter auftretende Erkrankung jedoch manifestiert, kann ganz unterschiedlich sein. Die Spanne reicht von Antriebs- und Konzentrationsstörungen und Störungen des Ich-Empfindens über Auffälligkeiten in den Bewegungen und dem Sprechen bis hin zu Paranoia, wahnhaften Vorstellungen und Halluzinationen. Eines der häufigsten Symptome ist dabei das Stimmenhören. Rund 70 Prozent der Menschen mit Schizophrenie erleben solche akustischen Halluzinationen. Das Spektrum des Stimmenhörens reicht dabei von einzelnen, nur manchmal gehörten Ausrufen oder Sätzen einer fremden Stimme bis zu ganzen Gruppen von verschiedenen Personen, die mit einem zu sprechen scheinen. Oft hören die Betroffenen Stimmen, die ihnen Anweisungen geben, sie beschimpfen oder ihnen Angst einjagen. "Das Stimmenhören kann ein sehr verstörendes Symptom der Schizophrenie sein – für die Patienten und ihre Angehörigen", erklärt Sonia Dollfus von der Universität Caen.

Magnetstimulation gegen die inneren Stimmen

Wie solche Stimmen im Kopf entstehen, ist bisher aber nur in Teilen geklärt. Bekannt ist, dass sich dabei die Reizverarbeitung im Gehirn quasi verselbstständigt: Obwohl kein Reiz von außen vorliegt, werden die Hirnareale und Verknüpfungen aktiv, die auch bei der Verarbeitung einer echten Stimme feuern. Tiefere Einblicke in die Vorgänge bei diesen akustischen Halluzinationen und Hoffnung auf eine Behandlung bringt nun eine Pilotstudie von Dollfus und ihren Kollegen. Sie haben getestet, wie sich die gezielte transkranielle Magnetstimulation (TMS) bestimmter Hirnareale auf das Stimmenhören bei Schizophreniekranken auswirkt. Bei dieser Behandlung wird eine Magnetfelder erzeugende Spule von außen an den Schädel der Patienten gehalten. Je nach Art der Felder kann diese Stimulation bestimmte Hirnareale entweder aktivieren oder lahmlegen. Im Rahmen der Studie erhielten 26 stimmenhörende Patienten zwei Tage lang zweimal täglich eine Reihe von 20-Hertz-Magnetpulsen auf ihren Schläfenlappen – dem Sitz wichtiger Areale der Sprachverarbeitung. 33 weitere Patienten erhielten nur eine Scheinbehandlung.

Es zeigte sich: Trafen die Magnetpulse ein bestimmtes Gebiet am Kreuzungspunkt zweier Furchen am Oberrand des Schläfenlappens, besserte sich das Stimmenhören bei den Patienten deutlich. Selbst zwei Wochen nach der Behandlung waren knapp 35 Prozent der Teilnehmer weitgehend frei von den akustischen Halluzinationen, wie die Forscher berichten. In der Kontrollgruppe mit der Scheinbehandlung erlebten dagegen nur neun Prozent eine Besserung. "Das bedeutet zweierlei: Zum einen könne wir damit nun mit einiger Sicherheit sagen, dass wir ein spezifisches anatomisches Areal identifiziert haben, das mit dem Stimmenhören verknüpft ist", sagt Dollfus. "Zum anderen haben wir erstmals gezeigt, dass eine Behandlung dieses Areals mit TMS die Symptome zumindest bei einigen Betroffenen lindern kann."

Noch ist dies nur eine Pilotstudie mit relativ wenigen Patienten - und auch nur einer bescheidenen Erfolgsquote. Dennoch machen diese Ergebnisse Hoffnung darauf, dass die relativ schonende und nebenwirkungsarme Behandlung mit Magnetpulsen in Zukunft das Leiden von stimmenhörenden Schizophrenie-Patienten lindern könnte. "Um aus diesem Ansatz eine Therapie zu machen, benötigen wir noch weitere Studien wie die von Dollfus und ihren Kollegen", kommentiert Andreas Meyer-Lindenberg vom Zentralinstitut für Seelische Gesundheit in Mannheim. "Aber auch wenn die Reaktionsraten noch nicht so hoch waren, wäre das TMS eine willkommene Ergänzung zum therapeutischen Repertoire – vor allem bei Patienten, die nicht auf eine medikamentöse Behandlung ansprechen."

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