Warum Frauen häufiger Asthma haben

Frauen im fortpflanzungsfähigen Alter haben ein doppelt so hohes Asthmarisiko wie Männer (Foto: solidcolours/iStock)

Frauen leiden doppelt so häufig unter Asthma wie Männer. Jetzt könnten Forscher die Ursache dafür gefunden haben. Wie sie in Versuchen mit menschlichen Zellen und Mäusen feststellten, wirkt das männliche Geschlechtshormon Testosteron als eine Art Entzündungsschutz: In seiner Anwesenheit werden bestimmte Abwehrzellen in der Lunge gehemmt. Dies wiederum verhindert die überschießende Entzündungsreaktion, die für allergisches Asthma typisch ist.

Asthma ist eine der häufigsten chronischen Erkrankungen bei Kindern – Tendenz steigend. Denn neben einer genetischen Veranlagung spielen Umweltfaktoren wie Autoabgase, die Ernährung, der fehlende Kontakt mit bestimmten Bakterien sowie vorgeburtliche Einflüsse eine Rolle. Die Betroffenen reagieren auf bestimmte Auslöser – Allergene, Infekte oder chemische Reize – mit einer akuten Verkrampfung und Verengung der Bronchien. Die resultierende Atemnot kann lebensbedrohlich sein. Auch als Erwachsene leiden die Patienten oft weiter unter dieser überschießenden Reaktion ihres Immunsystems. Das Auffallende dabei: Während im Kindesalter Jungen häufiger betroffen sind als Mädchen, kehrt sich dies nach der Pubertät um. "Im mittleren Alter haben Frauen eine doppelt so hohe Wahrscheinlichkeit, unter Asthma zu leiden als Männer", erklären Dawn Newcomb von der Vanderbilt University in Nashville und ihre Kollegen. Erst nach den Wechseljahren sinkt ihre Asthmarate wieder ab.

Welche Rolle spielen die Geschlechtshormone?

Diese Ungleichverteilung des Asthmarisikos und sein zeitliches Muster legen nahe, dass die Geschlechtshormone dafür eine Rolle spielen könnten. Denn auch ihr Einfluss erhöht sich mit der Pubertät und nimmt in höherem Alter wieder ab. Unklar war jedoch bisher, ob die höhere Asthmarate bei Frauen daran liegt, dass die weiblichen Geschlechtshormone Östrogen und Progesteron die Asthmaanfälligkeit erhöhen oder ob der geringere Anteil des männlichen Hormons Testosteron daran schuld ist.

Um das zu klären, haben Newcomb und ihre Kollegen einen bestimmten Biomarker der Asthmaerkrankung und dessen Reaktion auf verschiedenen Sexualhormone näher untersucht. Es handelt sich dabei um die sogenannten ILC2-Zellen – Abwehrzellen, die in der Lunge vorkommen und dort bei Asthma besonders zahlreich produziert werden. Diese Zellen setzen Entzündungsbotenstoffe frei, die unter anderem die Schleimproduktion anregen und dadurch die Atemnot verstärken. "Studien zeigen, dass ILC2-Zellen eine wichtige Rolle für die Auslösung allergischer Reaktionen spielen, darunter auch für die allergischen Entzündungen der Atemwege bei Asthma", so die Forscher. Für ihre Studie verglichen die Wissenschaftler zunächst die Zahl der ILC2-Zellen in den Lungen von weiblichen und männlichen Asthmapatienten. Dafür entnahmen sie sowohl gesunden als auch kranken Frauen und Männer Blutproben und analysierten sie. Das Ergebnis bestätigte: "Bei sonst gleichem Befinden haben Männer mit Asthma weniger ILC2-Zellen als Frauen", berichten Newcomb und ihre Kollegen.

Testosteron als Schutzhormon

Als nächstes testeten die Forscher, wie ILC2-Zellen von Mäusen auf die Zugabe verschiedener Sexualhormone reagierten. Dafür gaben sie zu Zellkulturen von Lungenzellen entweder Östrogen, Progesteron oder Testosteron dazu. Das überraschende Ergebnis: Die Anwesenheit der weiblichen Geschlechtshormone hatte kaum einen Effekt auf die ILC2-Zellen. Anders jedoch beim männlichen Geschlechtshormon: Das Testosteron hemmte die Vermehrung der ILC2-Zellen in der Kultur, wie die Wissenschaftler beobachteten. Gleichzeitig produzierten die vorhandenen ILC2-Zellen weniger Entzündungsbotenstoffe. "Als wir mit dieser Studie begonnen haben, dachten wir wirklich, dass die Eierstock-Hormone die Entzündung verstärken – und dass dieser Effekt stärker sein würde als die hemmende Wirkung des Testosterons", sagt Newcomb.

Doch es ist genau umgekehrt: Das Testosteron ist der entscheidende Faktor bei der Geschlechterungleichheit von Asthma. Das männliche Sexualhormon schützt Männer offenbar in gewissem Maße vor einer Überaktivierung der ILC2-Zellen und damit auch vor der allergischen Entzündungsreaktion. Dieser Effekt bestätigte sich auch in Tierversuchen mit Mäusen: Wurden männliche Mäusejunge mit Asthmaneigung kastriert und damit eines Teils ihrer Testosteronproduktion beraubt, stieg die Zahl ihrer ILC2-Zellen in der Lunge deutlich stärker an als bei unkastrierten Mäusemännchen, wie die Forscher berichten. Kamen diese Mäuse dann in Kontakt mit einem Asthmaauslöser, reagierten die Mäuse mit normalem Testosterongehalt deutlich schwächer und zeigten weniger starke Entzündungszeichen.

Nach Ansicht der Forscher spricht dies dafür, dass Frauen vor allem deshalb häufiger und stärker an Asthma erkranken, weil ihr Körper weniger Testosteron produziert. Ob sich dieses Wissen in irgendeiner Form künftig für die Therapie des Asthmas oder zur Vorbeugung nutzen lässt, ist allerdings noch offen. "Die Sexualhormone sind ja nicht der einzige Mechanismus, der die Entzündung der Atemwege bei Asthma reguliert", sagt Newcomb. Es sei aber einer von mehreren Faktoren, der eine Rolle spiele.

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