MS: Gelähmte Mäuse laufen wieder

Bei der Multiplen Sklerose greifen Abwehrzellen die Myelinhüllen der Nervenleitungen an (thinkstock)

Hoffnung im Kampf gegen Multiple Sklerose: Bisher lässt sich die fortschreitende Autoimmun-Erkrankung nur bremsen, nicht aber heilen. Doch US-Forscher haben nun in Versuchen mit Mäusen einen überraschenden Durchbruch erzielt: Schon gut eine Woche nach einer Behandlung mit menschlichen neuralen Stammzellen liefen die zuvor gelähmten Tiere wieder umher und erholten sich komplett von ihren MS-ähnlichen Symptomen. Das Vielversprechende daran: Offenbar sind nicht die Stammzellen selbst das Heilmittel, sondern bestimmte Proteine, die sie im Mäuserückenmark freisetzen. Gelingt es, sie genau zu bestimmen, dann könnte dies zu einem Heilmittel für MS führen, hoffen die Forscher.

Weltweit leiden mehr als zwei Millionen Menschen an der Autoimmun-Erkrankung Multiple Sklerose (MS), allein in Europa und Nordamerika sind es eine halbe Million. Bei den Betroffenen greifen fehlgesteuerte Abwehrzellen die Myelin-Hülle der Nervenbahnen an und lösen Entzündungen und Schäden in Gehirn und Rückenmark aus. Als Folge werden Nervensignale nicht mehr effektiv übertragen und Muskelschwäche, Lähmungen und Empfindungsstörungen sind die Folge. Heilbar ist MS nicht. Bisherige Therapien beispielsweise mit Interferon-Beta, konzentrieren sich meist darauf, den Immunangriff auf die Myelinscheiden zu unterdrücken. Sie sind aber nur bedingt wirksam und haben teilweise erhebliche Nebenwirkungen. Zudem können sie das Fortschreiten der Erkrankung nur verlangsamen, nicht aber stoppen oder umkehren. Weltweit suchen Forscher daher nach echten Heilmitteln.

Stammzellen im Mäusetest

Forscher um Jeanne Loring vom Scripps Research Institute in La Jolla und Thomas Lane von der University of Utah in Salt Lake City erforschen schon seit einigen Jahren einen Stammzell-basierten Ansatz. Ihre Idee war es, noch wandelbare neurale Vorläuferzellen in das Rückenmark einzuschleusen, damit sie dort die MS-bedingten Schäden reparieren können. Um den Effekt dieser Stammzell-Therapie zu testen, infizierten die Forscher Mäuse mit einem Virus, das MS-ähnliche Schäden verursacht. Typischerweise leiden die Tiere dadurch an fortschreitender Schwäche und Lähmungen und können nach kurzer Zeit nicht mehr laufen. In ihrem aktuellen Versuch verabreichten die Wissenschaftler den erkrankten Mäusen in Kultur gezüchtete menschliche neurale Stammzellen – eigentlich ein Routineversuch, von dem sie sich nur wenig erhofften. Denn normalerweise werden diese fremden Stammzellen vom Körper der Mäuse schnell wieder abgestoßen.

Doch es geschah Überraschendes: ""Als wir diese Zellen in die gelähmten Mäuse transplantierten, standen sie wenige Wochen später auf und begannen umherzulaufen", berichtet Loring. "Ich konnte erst nicht glauben, dass es sich um die gleichen Tiere handelte." Schon 10 bis 14 Tage nach der Stammzell-Behandlung erlangten die kranken Mäuse die Kontrolle über ihre Muskeln wieder, nach wenigen Monaten schienen sie komplett geheilt und zeigten auch keine Anzeichen für ein neuerliches Ausbrechen der Symptome, wie die Forscher beobachteten. Das Erstaunliche daran: Zum Zeitpunkt der Besserung hatte der Körper der Mäuse die fremden Stammzellen längst abgestoßen, dies geschah wie erwartet rund eine Woche nach der Transplantation. Trotzdem hielt der heilende Effekt an.

Proteine als entscheidender Wirkfaktor

Nach Ansicht der Forscher deutet dies darauf hin, dass nicht die Stammzellen selbst die Besserung herbeiführen, sondern wahrscheinliche bestimmte Substanzen, die sie abgeben. "Nachdem die menschlichen Stammzellen den ersten Dominostein umgeworfen haben, können sie entfernt werden und der Prozess geht weiter, weil sie eine ganze Kaskade von Ereignissen angestoßen haben", erklärt Ron Coleman von der University of California in Irvine, einer der beiden Erstautoren der Studie. Näheren Untersuchungen nach könnte es sich bei den von den Stammzellen abgegebenen Substanzen um Proteine handeln, die die angegriffenen Nervenzellen dazu bringen ihre Myelinhüllen wieder zu regenerieren. Die Forscher sind noch dabei festzustellen, um welche Proteine es sich dabei handeln könnte. Als ein Kandidat gilt bereits der sogenannte transformierende Wachstumsfaktor Beta (TGF-B), andere Mitspieler schließen die Forscher aber nicht aus.

Für Patienten mit Multipler Sklerose könnte sich diese Entdeckung als großer Schritt hin zu einem Heilmittel erweisen, sagen die Wissenschaftler. Denn da offenbar nicht die Stammzellen selbst, sondern die von ihnen abgegebenen Substanzen die Symptome der Mäuse wieder rückgängig machten, vereinfacht dies die Entwicklung einer Therapie erheblich. "Wenn wir die Faktoren identifizieren, die für diese Heilung verantwortlich sind, dann können wir daraus ein Medikament machen", sagt Lane. Statt einer aufwändigen Stammzell-Therapie könnte es dann reichen, eine Pille zu schlucken. Bis es aber so weit ist, müssen die Forscher nun erst einmal die entsprechenden Proteine identifizieren und diese dann ihrerseits in Tierversuchen und klinischen Tests prüfen. Dennoch, ein Anfang ist gemacht.

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