Wie bitte? Stuhltransplantation?

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Also, nein wirklich! Angeblich kann man einen Menschen heilen, indem man ihm Stuhl eines anderen überträgt. „Igitt", mag man denken. Fast schon reflexartig nehmen viele „die Stuhltransplantation" nicht ernst, geschweige denn, dass man sie mit der Verpflanzung einer Niere oder eines Herzens auf eine Stufe stellen würde. Aber auf dem internationalen Kongress für Viszeralmedizin, der dieser Tage in Leipzig stattfindet, kann man erfahren, dass der erste Reflex auf den Holzweg führt: Für unheilbare Darminfektionen mit dem Bakterium Clostridium difficile sei die Stuhltherapie inzwischen die Methode der Wahl, vermelden dort Experten der Deutschen Gesellschaft für Gastroenterologie, Verdauungs- und Stoffwechselkrankheiten. Der Stuhltransfer ist ein großes Thema auf dem Kongress.

Damit es nicht gar so anrüchig klingt, sprechen die Spezialisten lieber vom „Mikrobiomtransfer". Denn auf die Mikroben in den Exkrementen kommt es an. Mit den Überresten werden sie quasi dem gesunden Spender aus dem Darm entnommen, mit Kochsalzlösung vermengt und dem Kranken über Nase oder Rektum mit einem Schlauch eingeführt. Ziel: Die fremden Kleinstlebewesen sollen sich dort ansiedeln. Man möchte es sich eigentlich nicht so genau vorstellen. Aber da muss man durch: Zur Wissenschaft gehört eben auch die Präzision.


Nur woher rührt der ganze Aufruhr um unsere Ausscheidungen? Schon im Jahr 2000 haben amerikanische Ärzte angefangen, Patienten mit Clostridium difficile den Stuhl gesunder Spender zu verabreichen. Ein bisschen aus der Not heraus: Denn den Patienten helfen Antibiotika oft nicht. Sie leiden an unablässigem Durchfall, an dem ältere Patienten sogar sterben können. An Mäusen hatte man beobachtet, dass die Losung eines anderen Tiers in den kranken Trakt gepumpt, diesen mal ebenso saniert. Seither haben die Amerikaner einige Hundert Patienten behandelt. Die meisten erfolgreich, heißt es. Die erste hochrangige Studie stammt aus dem vergangenen Jahr von niederländischen Ärzten. Über 13 der 16 Patienten waren nach dem ersten Stuhltransfer sofort geheilt. Zweien der verbliebenen Drei half eine zweite Runde. Antibiotika bringen es auf deutlich geringere Heilungsraten.

Ein einschlägiges Verfahren!

Es kommt nicht mehr oft vor, dass Innovationen in der Medizin derart einschlagen. Vielleicht deshalb lobte Ulrich Rosnien, leitender Arzt am Israelitischen Krankenhaus in Hamburg anlässlich des Kongresses, überschwänglich: „Das Verfahren ist der konventionellen Behandlung so weit überlegen, dass es bei wiederkehrenden Infektionen als neuer Standard empfohlen werden kann." Also, dann: Weg mit den Antibiotika und her mit dem Stuhl williger Spender.


Aber ganz so einfach ist es nicht. Langzeitdaten und eine standardisierte Verarbeitung der Exkremente fehlen. Deshalb wird jetzt das Register „MikroTans" eingerichtet, in dem die Krankengeschichte von Stuhltransplantierten ordentlich dokumentiert werden soll. Das Paul-Ehrlich-Institut und das Bundesinstitut für Arzneimittelbewertung sehen den Stuhl zuvorderst als Brutstätte von Keimen. Sie wollen strenge Auflagen für die Qualität der Spende erlassen. Heute wird sie zwar auch schon auf Krankheitserreger geprüft. Aber ein einheitliches Protokoll gibt es dafür nicht. Überhaupt geht es derzeit beim Stuhltransfer erfrischend unkonventionell zu: Willige Empfänger suchen ihren Spender selbst. Und an solchen dürfte es bei dieser Transplantation ja nicht mangeln.   


Aber bei aller Begeisterung der Mediziner: Man kann noch nicht sagen, ob die Methode Bestand haben oder vielleicht künftig durch die Gabe isolierter Mikroben ersetzt wird. Sie ist jedoch ein Lehrstück darüber, dass der Fortschritt manchmal überraschende Haken schlägt und dass wir gut daran tun, offen für abseitige Ideen zu bleiben.

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