"Öko-Zombies" in der Tundra

Geklonte Mammuts hätten in den heutigen Ökosystemen keine Nische mehr (Grafik: Kims Creative Hub/iStock)i

Ob Mammuts, Säbelzahnkatzen und Dinosaurier – die Riesen der Urzeit faszinieren bis heute. Um sie wiederauferstehen zu lassen, arbeiten einige Forschergruppen bereits daran, diese ausgestorbenen Tiere mit Hilfe des Klonens und andere gentechnischer Methoden wieder zum Leben zu erwecken. Ökologen warnen nun jedoch vor den ökologischen Folgen, sollten solche "Lazarus"-Tiere in moderne Ökosysteme entlassen werden. Sie haben drei Richtlinien aufgestellt, die verhindern sollen, dass solche Wiedererweckungen zu bloßen "Öko-Zombies" werden.

Das Mammut ist eine echte Ikone der Eiszeitfauna. Die meisten dieser wollhaarigen Elefanten-Verwandten starben vor rund 10.000 Jahren aus, nur einige letzte Überlebende hielten auf der sibirischen Wrangel-Insel noch bis vor rund 3700 Jahren durch. Eigentlich ist diese Tierart damit für immer ausgelöscht. Doch gleich zwei Forschergruppen arbeiten zurzeit daran, die Eiszeit-Riesen wiederauferstehen zu lassen. Grundlage ihrer Experimente sind Funde von Mammutfossilien, die so gut im sibirischen Permafrost konserviert wurden, dass man noch Reste ihres Erbguts bergen und isolieren konnte. Eine Gruppe südkoreanischer und russischer Forscher unter Leitung des Klonforschers Hwang Woo-Suk plant, aus dem Genmaterial mittels Klonen ein Mammut zu erzeugen, auch eine Säbelzahnkatze soll bereits "in Arbeit" sein. In den USA versucht es eine Arbeitsgruppe der Harvard University auf andere Weise: Sie wollen mit Hilfe der Genschere CRISPR Mammutgene in das Erbgut eines modernen Elefanten einschleusen und so eine Art Hybrid erzeugen – einen Elefanten mit so viel Mammutmerkmalen wie möglich. Auch weniger bekannte ausgestorbene Tiere sind inzwischen Gegenstand von Klonversuchen. Viele Forscher halten es nur noch für eine Frage der Zeit, bis erste Versuche gelingen.

Angesichts dieser Aussichten haben nun Douglas McCauley von der University of California in Santa Barbara und seine Kollegen untersucht, welche ökologischen Folgen die Wiederauferstehung ausgestorbener Tierarten hätte. Denn während die Biologie solcher  "Lazarus"-Tiere noch auf einem urzeitlichen Stand ist, haben sich die Ökosysteme der Erde längst verändert und weiterentwickelt. Den Lebensraum der Mammuts beispielsweise gibt es so heute nicht mehr, wie die Forscher erklären. Auch die Wälder, in denen die nordamerikanische Wandertaube (Ectopistes migratorius) noch bis ins 19. Jahrhundert in Massen vorkam, haben sich gewandelt: Heute sind die Waldstücke kleiner, vom Menschen geprägt und es wachsen andere Baumarten dort als noch vor gut 100 Jahren. "Was einige mit der Wiedererweckung anstreben, wäre daher, als wenn man ein Bauteil aus dem Motor des Model T-Fords in einen Tesla einbauen wollte", erklärt McCauley. "Man kann nicht einfach ein Teil nehmen, es in ein ganz neues System einfügen und dann erwarten, dass es funktioniert." Eine Wiedereingliederung einer alten Art in moderne Ökosysteme sei daher eine echte Herausforderung – oder ende in "Öko-Zombies".

Drei Richtlinien für "Wiedererweckungen"

Damit die Wiedererweckung ausgestorbener Tierarten keine ökologische Katastrophe wird, schlagen McCauley und seine Kollegen drei Richtlinien vor. In der ersten plädieren sie dafür, dies nur bei den Tierarten durchzuführen, die noch nicht lange ausgestorben sind. "Sonst integrieren sich die wiedererweckten Arten kaum in die existierenden ökologischen Netzwerke", so die Forscher. Mammuts, Säbelzahnkatzen oder gar Dinosaurier wären demnach keine geeigneten Kandidaten – sie würden bestenfalls als exotische Zootiere in Gehegen ihr Leben fristen. Weitaus chancenreicher könnte es dagegen sein, die Riesenschildkröte von Réunion oder die nur auf der Weihnachtsinsel vorkommende Fledermaus Pipistrellus murrayi zu klonen. Diese Arten sind erst vor wenigen Jahren ausgestorben. Als zweite Richtlinie geben die Forscher ihren Kollegen auf den Weg, nur solche Tierarten auszuwählen, deren ökologische Funktion unersetzbar war. So sorgten beispielsweise die Riesenschildkröten auf Réunion dafür, dass die Samen bestimmter Pflanzen verbreitet wurden. Seitdem diese Transporteure ausgestorben sind, kämpfen auch diese Pflanzenarten ums Überleben.

Die dritte Richtlinie dürfte ebenfalls gegen Mammut und Co sprechen: Ökologisch sinnvoll sei eine Wiedererweckung nur dann, wenn die betreffende Tierart in ausreichend großer Zahl gezüchtet werden kann, betonen die Forscher. Zum einen können sie nur dann auf Dauer lebensfähige Populationen bilden, zum anderen kann diese Tierart nur so ihre ökologische Funktion wahrnehmen. "Ein Wolf, der jagt und Beute tötet hat minimalen Einfluss. Aber hunderte von Wölfen, die dies tun, verändern ihr Ökosystem", erklärt McCauleys Kollegin Molly Hardesty-Moore. Aus der Sicht der Ökologen wäre eine Wiedererweckung ausgestorbener Tierarten nur dann sinnvoll und ein echter Erfolg, wenn nicht nur das Tier selbst erschaffen wird, sondern auch seine Rolle im Ökosystem. "Ein Mammut zählt nur dann als Mammut, wenn es aussieht wie eins und auch frisst, scheisst, trampelt und wandert wie ein Mammut", konstatiert McCauley. Ob allerdings die Kollegen in den Klonlaboren diese Warnungen beachten, scheint fraglich – zu groß wäre der Ruhm, als erster ein ausgestorbenes Tier wieder zum Leben zu erwecken.

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