Familienzuwachs für die Helden-Spitzmaus

Gestatten: Scutisorex thori, Thors Helden-Spitzmaus - lang gesuchter Verwandter der einzigartigen Panzerspitzmaus.
Die Wirbelsäule einer herkömmlichen Spitzmaus: wenige Verbindungen zwischen den Wirbelkörpern.
Dagegen ist das Rückgrat einer Helden-Spitzmaus mit ineinander verzahnten Fortsätzen ausgestattet.
Das ist auch bei der Thor-Heldenspitzmaus zu sehen, es ist aber nicht ganz so ausgeprägt. (alle Bilder: © William Stanley, Chicago Field Museum/The Royal Society)

Auf den ersten Blick macht sie nicht sehr viel her, die Panzerspitzmaus: Klein, mit einer spitzen Schnauze und kuscheligem braunem Fell unterscheidet sie sich nicht groß von anderen Spitzmäusen. Tatsächlich aber ist Scutisorex somereni einzigartig unter den Säugetieren: Ihre Wirbelsäule ist im unteren Bereich mit ineinander verzahnten Fortsätzen ausgestattet, die ihr eine unglaubliche Stabilität und gleichzeitig eine extreme Beweglichkeit verleihen. Doch wozu das Ganze? Bisher konnten Wissenschaftler darauf keine Antwort geben – insbesondere, weil sie nur eine einzige Scutisorex-Art kannten. Ein internationales Forscherteam hat jetzt jedoch überraschend einen Verwandten entdeckt – und hofft nun, dem Geheimnis des Super-Rückgrats auf die Spur zu kommen.

Die Panzerspitzmaus lebt in Zentralafrika – das wissen Biologen bereits seit 1910. Ihre ganz besonderen Eigenschaften entdeckte jedoch erst sieben Jahre später der US-Zoologe Joel Asaph Allen: Er beobachtete, wie sich einheimische Männer auf die kleinen Tiere stellten, die nicht mehr wiegen als 50 bis 70 Gramm – und selbige nach einigen Minuten offenkundig unbeschadet davonhuschten. Allen fand auch die Ursache für die scheinbaren Superkräfte der Mäuse: Ihre Wirbelsäule hat im Lendenbereich einen einzigartigen Aufbau. Denn statt wie bei anderen Säugetieren nur durch vier kleine Gelenke sind die Wirbel bei ihnen durch unzählige fingerförmige Knochenfortsätze regelrecht miteinander verzahnt – vorne, hinten und seitlich.

Superstabil und extrem beweglich

Dieser Aufbau macht die Wirbelsäule der Panzerspitzmäuse – natürlich in Bezug auf ihr Körpergewicht – viermal so stabil wie die anderer Säugetiere und sogar fünfmal widerstandsfähiger gegen Verdrehen als das Durchschnittsrückgrat. Diese Widerstandskraft, das berichtete Allen ebenfalls bereits Anfang des 20. Jahrhunderts, faszinierte vor allem die ortsansässigen Mangbetu, die glaubten, unverwundbar zu sein, wenn sie Teile der kleinen Tiere bei sich trugen. Dieser Glaube hat übrigens auch zu deren heute noch gebräuchlichen englischem Namen geführt: "hero shrew" – die Helden-Spitzmaus.

Evolutionsbiologen fasziniert dagegen ein anderer Aspekt der merkwürdigen Wirbelsäule: Warum haben die Spitzmäuse nur dieses einzigartige Merkmal? Welche Vorteile hatten sie im Lauf ihrer Entwicklung von ihren kräftigen Oberkörpern und dem stabilen Rückgrat? So etwas lässt sich allerdings erst klären, wenn man verschiedene Arten mit dem gleichen Merkmal miteinander vergleichen kann und, wenn möglich, sogar noch Übergangsformen findet. Doch da gibt es im Fall der heldenhaften Spitzmäuse ein Problem: Bisher kannte man keinerlei nahe Verwandte, und Übergangsformen gab es schon gar nicht – entweder das Tier war eine Panzerspitzmaus inklusive der ungewöhnlichen Wirbel oder eben nicht.

Der langgesuchte Verwandte betritt die Bühne

Jetzt allerdings meldet ein internationales Forscherteam: Wir haben einen Cousin von S. somereni entdeckt! Aufgespürt im Nordwesten der Demokratischen Republik Kongo ging den Biologen ein Exemplar einer bisher unbekannten Spitzmausart ins Netz. Sie ist etwas kleiner als S. somereni, hat ein kürzeres, seidigeres Fell als die eher wolligen Panzerspitzmäuse, einen kleineren Schädel mit weniger Knochenvorsprüngen, breitere Rippen – und, vor allem, eine ungewöhnliche Wirbelsäule: Sie weist ebenfalls die charakteristischen Knochenfortsätze auf, die Verzahnungen sind jedoch bei Weitem nicht so ausgeprägt wie bei S. somereni. Das Tierchen scheint damit tatsächlich eine Übergangsform zwischen der normalen Wirbelsäule der meisten Spitzmäuse und der Heldenvariante von S. somereni zu sein.

Getauft haben die Forscher ihre Maus übrigens Scutisorex thori - eigentlich zu Ehren von Thorvald Holmes Jr., genannt Thor. Er betreut an der kalifornischen Humboldt State University die Sammlung des Wirbeltiermuseums und soll mit der Benennung für seine Hingabe an die Säugetierforschung und -lehre auf Basis von einzelnen Exemplaren geehrt werden, wie die Forscher schreiben. Natürlich sei aber auch der Bezug zur germanischen Gottheit Thor, dem starken Beschützer der Menschen, sehr willkommen. Man schlage vor, die neue Maus umgangssprachlich als "Thors Heldenspitzmaus" zu bezeichnen.

Ungeklärte Lebensumstände

Was die Lebensumstände der Thor-Maus betrifft, sind die Biologen bisher noch nicht sehr weit gekommen. Sie scheint aber feuchte, sumpfige Gebiete zu bevorzugen, genau wie ihr Cousin, dessen Entwicklungslinie sich vor schätzungsweise vier Millionen Jahren von ihrer eigenen trennte. Das brachte die Forscher auch bereits dazu, trotz der mangelnden Daten eine neue These zum Nutzen der Super-Wirbelsäule aufzustellen: Da das Rückgrat vor allem eine sehr flexible Krümmung nach vorne und ein kräftiges Wiederaufrichten ermöglicht, hilft es möglicherweise dabei, an schwer erreichbares Futter zu kommen.

So scheinen sich die Spitzmäuse beispielsweise häufig an den Stämmen von Palmen aufzuhalten, und zwar dort, wo die abgestorbenen Blattansätze zu finden sind – ein beliebter Aufenthaltsort für saftige Larven. Vermutlich schlängeln sich die Mäuse in schmale Lücken zwischen Stamm und Blatt und drücken die Blätter dabei mit ihrem kräftigen Oberkörper zur Seite, um an das Futter zu gelangen, spekuliert das Team. Ebenfalls denkbar ist, dass sie Hindernisse wie nasse Erdklumpen oder Steine mit Hilfe ihrer Superkräfte beiseite räumen können, um Zugang zu darunter lebenden Käfern und Larven zu erhalten.

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