Europas Wälder machen schlapp

Europäische Wälder reagieren bereits auf den Klimawandel (thinkstock)

Seit 70 Jahren legt die Waldmenge in Europa zu. Unser Kontinent ist so grün wie seit dem frühen Mittelalter nicht mehr. Die Bäume saugen fleißig Kohlendioxid aus der Atmosphäre und binden es in Form von Biomasse. Das macht den Wald zu einer der wichtigsten Waffen im Kampf gegen den Klimawandel. Doch die Zeiten des Wachstums könnten schneller vorbei sein als gedacht, warnen Forscher aus den Niederlanden, Finnland, Italien und der Schweiz. Alter, Abholzung und Umwelteinflüsse sorgen dafür, dass dem Wald langsam die Puste ausgeht.

Alle fünf bis zehn Jahre ist in Europas Wäldern Inventur. Dann wird berechnet, wie sich das gesamte Stammvolumen aller Bäume auf unserem Kontinent entwickelt hat. Seit 1960 lieferte diese Bestandsaufnahme stets ermutigende Zahlen: Das Grünzeug wuchs und gedieh und entfernte dabei von Jahr zu Jahr mehr CO2 aus der Atmosphäre – im Jahr 1995 waren es Schätzungen zufolge ganze 370 Millionen Tonnen. Doch im Gegensatz zu bisherigen Annahmen könnten die fetten Jahre bald vorbei sein.

„Es sind drei Warnzeichen für die Sättigung der europäischen Wälder als Kohlenstoffsenke zu beobachten", schreiben Gert-Jan Nabuurs von der Wageningen University und seine Kollegen in ihrer aktuellen Studie. Erstens: Seit 2005 nimmt das Stammvolumen weniger stark zu als zuvor – die wachsenden Bäume können Verluste durch Abholzung und sterbendes Gehölz nicht mehr so gut wettmachen. Dieser Effekt tritt vor allem im westlichen Mitteleuropa auf. Die Wissenschaftler vermuten als Ursache das hohe Alter vieler Bäume. Aber auch die geringere Stickstoff-Ablagerung und die sinkende Luftfeuchtigkeit im Sommer – eine Folge des Klimawandels – bekommen unseren Wäldern nicht gut. „Noch fungiert der Wald als Kohlenstoffsenke", schreiben die Forscher. Bis vor einiger Zeit habe er jedes Jahr mehr Kohlendioxid aufgenommen – dieser Trend scheine sich nun jedoch umzukehren.

Abholzung, Stürme und Brände setzen dem Wald zu

Die zweite Sache, die den Forschern Sorge bereitet, ist die intensivere Landnutzung, die oft mit Rodungen einher geht. Schuld sind wachsende Städte, neue Fabriken, Straßen oder Bahntrassen. Genau wie das Stammvolumen legt auch die Waldfläche nicht mehr so deutlich zu wie bisher: Stieg sie bis 2005 noch um 700.000 Hektar pro Jahr, sank der Wert zwischen 2005 und 2010 auf 500.000 Hektar pro Jahr. Dabei werde die Rodung in diesen Erhebungen sogar häufig übersehen, warnen die Forscher: „Da die Abholzung in Europa durch kleine und verstreute Ereignisse gekennzeichnet ist, lässt sie sich durch Stichproben nicht leicht erfassen." Zwar bleiben unsere Wälder von blindem Kahlschlag verschont, wie er etwa im südamerikanischen Regenwald stattfindet. Doch selbst, wenn für jeden gerodeten Hektar eine gleichgroße Fläche aufgeforstet wird, dauert es Jahrzehnte, die CO2-Bilanz wieder auszugleichen.

Zu guter Letzt beunruhigt die zunehmende Anfälligkeit der Wälder die Forscher. Je älter und dichter der Wald, desto größeren Schaden richten Stürme, Brände und Insektenplagen an. Besonders im Mittelmeerraum brennt es während der heißen, trockenen Sommer immer häufiger. 500.000 Hektar Wald, schreiben die Forscher, werden in Europa jedes Jahr von Bränden heimgesucht.

Besonders in bewirtschafteten Wäldern, warnen die Forscher, „scheint eine Sättigung der Kohlenstoffsenke kurz bevorzustehen." Das bedeutet nicht, dass es den Wäldern schlecht geht – es heißt lediglich, dass sich ein Gleichgewicht eingespielt hat. Sollen die Wälder allerdings auch künftig mehr CO2 binden, muss die Bewirtschaftung entsprechend angepasst werden. Die Niederländer empfehlen etwa, Holz in anfälligen Wäldern zu schlagen und stattdessen bewirtschaftete Forste mit älterem Bestand sich selbst zu überlassen. Auch die Waldbrände müsse man besser in den Griff bekommen, mahnen sie – eine Forderung, der nicht nur Baumfreunde zustimmen dürften.

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