Streicheln hält die Pflanze fit

Gut für die Pflanze: streicheln statt sprechen (thinkstock)

Es gibt Menschen, die darauf schwören, ihren Pflanzen Wachstumsparolen ins Blattwerk zu wispern. Wer seinem Grünzeug etwas Gutes tun will, sollte es allerdings nicht bei warmen Worten belassen, sondern seinen Blumen und Sträuchern gelegentlich sanft die Blätter rubbeln. Zumindest bei der Acker-Schmalwand führt diese mechanische Reizung zu einer Abwehrreaktion, die sie vorübergehend immun gegen Graufäule macht.

Pflanzen sind sensible Lebewesen. Sie erspüren genau, ob es regnet, woher der Wind bläst oder ob gerade ein Tier über sie hinweg trampelt. Und sie reagieren: Die trägen Bäume entwickeln dickere, gedrungenere Stämme, wenn ständig Böen an ihnen zerren. Die flinken Mimosen – auch Schamhafte Sinnpflanzen genannt – klappen ihre Blätter ein, wenn sie berührt werden. Und die tödlichen Venusfliegenfallen spüren das Gezappel ihrer Beute und lassen blitzschnell ihre Fangeisen zuschnappen.  

Meist verursachen mechanische Reize jedoch unsichtbare Veränderungen. Viele Pflanzen reagieren nur auf molekularer und genetischer Ebene. Die Acker-Schmalwand etwa flutet ihre Zellen mit Calcium und schüttet reaktive Sauerstoffverbindungen aus, sobald sie mechanischem Stress ausgesetzt ist. Dabei reicht es, die Blätter vorsichtig zwischen Daumen und Zeigefinger zu reiben, wie Lehcen Benikhlef von der Universität Freiburg in der Schweiz und seine Kollegen nun herausfanden. Wie sie in der Fachzeitschrift „BMC Plant Biology" beschreiben, ändert sich auch die Genexpression in den gestreichelten Blättern. Außerdem wird die äußerste Schicht des Blattes durchlässiger – vermutlich, damit der Cocktail aus Chemikalien besser austreten kann, der Angreifer fernhalten soll.

Besser rubbeln als verstümmeln

Die aggressive Reaktion der Pflanzen zeigt Wirkung: Nach mehrmaligem Rubbeln erwies sich die Acker-Schmalwand als vorübergehend immun gegenüber Botrytis cinerea, einen Schimmelpilz, der Graufäule verursacht. Vor allem Landwirte und Weinbauern fürchten den Schädling. Die Forscher maßen anhand der Blattschäden, in welchem Ausmaß der Pilz den Laborpflanzen zusetzte. Ließen sie ihn acht Stunden nach dem Streicheln auf die Acker-Schmalwand los, zeigte sie immerhin noch 50 Prozent der ursprünglich hervorgerufenen Resistenz. Erst nach 24 Stunden war sie dem Pilz wieder so hilflos ausgeliefert wie zuvor.  

Wer die Taktik auf seine eigenen Schützlinge anwenden will, sei jedoch gewarnt: Es reicht nicht, jeder Pflanze nur ein einziges Blatt zu rubbeln. Die Behandlung wirkt leider nur lokal. Immerhin ist sie weniger drastisch als jene, die das Team der Acker-Schmalwand in einem vorangegangenen Versuch angedeihen ließ. Darin riefen die Forscher eine vorrübergehende Resistenz gegen den Schimmelpilz hervor, indem sie Blätter mit einer Nadel durchstachen oder mit einer Zange quetschten. Im Gegensatz dazu bleiben die Zellen beim Rubbeln zumindest intakt.

Die Forscher haben zwei Hypothesen dazu, wie die Acker-Schmalwand die Berührung wahrnimmt:. Ein mögliches Szenario ist, dass das Streicheln die Oberfläche der Blätter angreift. Sie wird  dadurch durchlässiger für Substanzen, die die Gegenwart eines Schädlings signalisieren. Gelangen die Stoffe erst einmal in die Zelle, werden sie von speziellen Rezeptoren erkannt, die eine Abwehrreaktion veranlassen. Die zweite Möglichkeit ist, dass mechano-sensitive Proteine in Membran der Blattzellen die Berührung wahrnehmen und die Immun-Reaktion hervorrufen.

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