Welt der Gegensätze: bdw-Reise 2015 nach Südafrika

Xhosa ist die neben Englisch die Unterrichtssprache der Drittklässler der Colesberg-Grundschule. Dieter von Willert (rechts) unterrichtet gemeinsam mit einem Kollegen, der die südafrikanische Sprache beherrscht.
Dieter von Willert ist Teufelskrallen-Experte. Wurzelextrakte der Heilpflanze sind weltweit für die Behandlung von Rheuma gefragt.

Als emeritierter Botanik-Professor ist Dieter von Willert Experte für den Anbau der Teufelskralle. Die Heilpflanze wächst ausschließlich im südlichen Afrika, wird aber als Arzneimittel gegen Rheuma in die ganze Welt exportiert. Auf seinen Forschungsreisen erlebte von Willert die extremen Gegensätze zwischen Arm und Reich, die Südafrika prägen, und unter denen vor allem die Kinder zu leiden haben. Er fasste den Entschluss, zu helfen. Seit seiner Pensionierung lebt von Willert im „Land der Gegensätze", wo er sich im Rahmen des „Kagiso Learning Aid Project" für eine bessere Schulbildung stark macht. Auf der bdw-Recherchereise im Frühjahr 2015 wird bdw-Redakteurin Claudia Wolf zusammen mit fünf Lesern nach Südafrika reisen, um von Dieter von Willerts Schulprojekten zu berichten und um Land und Leute kennen zu lernen. Im Interview erzählt Dieter von Willert von der Teufelskralle, seinem Alltag mit Schulkindern, seinen Beweggründen und Visionen.

Sie wollen an der bdw-Recherchereise teilnehmen? Weitere Infos zur Anmeldung und zum Programm gibt es hier.

Informationen zur Teufelskralle und zu den Schulprojekten:

Dieter von Willert | Kagiso Learning Aid Project
E-Mail: kalkgat@gmail.com
Tel.: 0027/737 898 292

Hier geht's zum Schulprojekt auf Facebook

 

bdw: Wie entstand die Idee, sich nach Ihrer Pensionierung so stark in Südafrika zu engagieren?

Dieter von Willert: Ich war schon seit 1977 regelmäßig in Südafrika unterwegs, ab 2001 aber besonders häufig, weil in diesem Jahr mein Forschungsprojekt zur Teufelskralle in der Kalahari startete. An der Farmschule Kitlanyang habe ich die erschreckenden Zustände gesehen, unter denen dort unterrichtet wurde. Damals entstand die Idee, etwas für die Bildung und gegen die Armut zu tun.

Wie kam es dazu, dass ausgerechnet die Teufelskralle Ihr Fachgebiet wurde?

Der Auslöser war ein Anruf eines Farmers aus der Kalahari, der sagte: ›Ich habe gehört, dass Sie Experte im Anbau von Teufelskrallen sind‹. Ich antwortete: ›Nein, das bin ich nicht. Das kann ich eventuell werden‹. Ich habe ihn in der Kalahari besucht und wir haben damit angefangen, die Teufelskralle zu kultivieren. Das war nicht einfach. Wir haben lange daran gearbeitet, die geringe Keimrate zu veressern – im Regelfall liegt diese bei nur einem Prozent. Doch irgendwann hatte ich eine Methode und wurde damit zu einem Projekt in Namibia gebeten.

Konnten Sie Ihre Kenntnisse an die Bevölkerung in der Kalahari weitergeben?

Mein Grundgedanke war schon damals, den Einheimischen zu helfen, die bis heute unter den Folgen der Apartheid leiden. Bevor ich nach Namibia ging, habe ich die Methode zur Verbesserung der Keimrate einem engagierten Einheimischen in der Kalahari gezeigt. Heute ist er der Spezialist in Afrika, wenn nicht auf der ganzen Südhalbkugel, wenn es um den Anbau der Teufelskralle geht.

Warum widmen Sie sich inzwischen ausschließlich Ihrem Schulprojekt?

Als meine Pensionierung näher rückte, wurde mir klar, dass ich nicht als Emeritus an der Universität Münster bleiben wollte. Ich musste etwas ganz Neues anfangen. Ich habe schlechte Erfahrungen mit Emeriti gemacht, und ich sah in meiner Pensionierung eine wunderbare Chance. Meine ursprüngliche Idee war, meine Teufelskrallen-Kenntnisse zu nutzen und bei einem Anbauprojekt mitzuhelfen. Aber dann kam mein bereits erwähnter Besuch an der Farmschule Kitlanyang. Ich habe gemerkt, dass meine Hilfe hier viel mehr benötigt wird. So entstand die Idee zum Schulprojekt.

Was können wir Deutsche von den Südafrikanern lernen?

In Südafrika habe ich gelernt, geduldig zu sein. Die Dinge passieren nicht von heute auf morgen. Wenn man ungeduldig ist, erreicht man gar nichts. Wird es heute nichts, dann wird es morgen etwas, und wenn es morgen nichts wird, dann vielleicht nächste Woche. Aber es wird. Geduld ist eine Eigenschaft, die wir Deutsche nicht so sehr haben. Bei uns muss immer alles schon gestern passiert sein. Beeindruckend ist auch die Fähigkeit der Schwarzen, im Heute zu leben. Das bringt auch Probleme, denn es fällt ihnen schwerer einzusehen, warum sie etwas tun sollten, das erst in einigen Jahren Profit bringt. Die Teufelskralle zum Beispiel muss vier Jahre wachsen, bis man das erste Mal ernten kann. Aber das ist hier in Südafrika einfach der Lebensstil, man freut sich darüber, dass heute die Sonne scheint. Ich habe versucht, das zu lernen, denn es steigert das Wohlbefinden erheblich.

Andere genießen in Ihrem Alter den Ruhestand. Woher nehmen Sie Ihre Motivation?

Indem ich mich mit meiner Arbeit hundertprozentig identifiziere. Es macht unglaublich Spaß, mit Kindern zu arbeiten, vor allem, wenn sie einem zeigen, dass sie lernen wollen. Wenn ich sehe, dass ein Kind plötzlich aufblüht, ist das eine ungeheuer große Freude. Kinder zahlen das, was man für sie tut, in ihrer eigenen Währung zurück: Sie kommen mit einem strahlenden Lächeln auf einen zu, umarmen einen und rennen wieder weg. Ich weiß dann, dass ich etwas Bedeutendes erreicht habe.

Was wünschen Sie sich von der bdw-Recherchereise?

Ich hoffe, dass die Besucher die Großartigkeit und die Vielfalt des Landes kennen lernen und auch die interessanten Lösungen, die man hier für das Zusammenleben gefunden hat. Dass sie das eigentliche, das echte Südafrika kennen lernen. Dazu gehören extremer Reichtum, aber auch 85 Prozent Schwarze, die teilweise noch immer unter menschenunwürdigen Bedingungen leben. Wir werden auf der Reise die Gelegenheit haben, Townships zu besuchen, und ich hoffe, dass wir darüber diskutieren können, warum die Umstände so sind, wie sie sind. Es ist zu einfach zu sagen, die Armut und der Bildungsnotstand seien das Ergebnis von 50 Jahren Apartheid.

Wie können Menschen generell und besonders unsere Leser Sie am besten unterstützen?

Seit meinem Besuch an der Farmschule Kitlanyang vor 14 Jahren träume ich von einer eigenen Schule – damit könnte ich wirklich etwas bewirken. Denn die Probleme liegen nicht bei den Kindern, sondern bei den Lehrern. Es gibt keine Unterrichtskultur. Ständig klingeln die Handys der Lehrer, sie verlassen die Klasse für zehn, fünfzehn Minuten. Wenn sie den Kindern eine Aufgabe gegeben haben, sitzen sie an ihrem Pult und spielen mit ihrem Handy, statt sich um ihre Schüler zu kümmern. So entsteht für die Kinder ein völlig falscher Eindruck davon, was Schule ist. Wir haben dieses Jahr einen Antrag gestellt auf den Status einer NGO, einer „Non Governmental Organisation". Wir sind zuversichtlich, dass es klappt, und hoffen, dass genug Geld von privaten Spendern und von Regierungsseite zusammenkommt, um eine eigene Schule zu eröffnen. 

Gibt es – abgesehen von der eigenen Schule – noch etwas, das sie unbedingt erreichen möchten?

Ja natürlich. Ich habe mir immer gesagt: Wenn ich es schaffe, ein Mädchen vor dem hier üblichen Schicksal zu bewahren, mit 15 schwanger zu werden und am Ende in der Alkoholsucht zu landen, dann habe ich viel erreicht. Jetzt wohnt ein Mädchen bei mir, für das ich derzeit eine gute, weiterführende Schule suche. Sie ist neun Jahre alt und giert nach Bildung und Wissen. Sie hat jetzt noch acht Schuljahre vor sich. Ich möchte alles in die Wege leiten, um ihr einen guten Schulabschluss zu ermöglichen.

 

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