Diabetes: Noch kein Therapie-Durchbruch

Verhängnisvolle Faltung: die Struktur des körpereigenen Botenstoffs Interleukin-1-Beta, der bei der Entstehung von Diabetes eine ursächliche Rolle spielt. (Illustration: Boghhog)

Auch zehn Jahre nach einer vielversprechenden Studie gibt es kein Medikament, das die Ursache der -Diabetes an der Wurzel packt. Der Grund sind Schwierigkeiten bei der Zulassung. Sieben bis acht Prozent der erwachsenen Deutschen leben mit einem diagnostizierten Typ-2-Diabetes. Typisch für diese Krankheit ist ein dauerhaft zu hoher Blutzuckerspiegel.

Vor zehn Jahren ließen Überschriften wie "Ursache von Altersdiabetes bekämpft" (bild der wissenschaft 7/2007) aufmerken. Anlass war eine Studie an 70 Typ-2-Diabetikern. Die eine Hälfte der Patienten hatte das Medikament Anakinra erhalten, die andere Hälfte Placebos. Anakinra, zur Behandlung der rheumatoiden Arthritis zugelassen, blockiert die Andockstellen für den körpereigenen Botenstoff Interleukin-1-Beta (Il-1ß), der Entzündungsreaktionen einleitet und aufrechterhält. Züricher Wissenschaftler um Marc Donath hatten die Studie durchgeführt. Denn sie waren aufgrund von Zellkultur- und Tierversuchen zu der Auffassung gelangt, dass der Botenstoff bei der Entstehung von Typ-2-Diabetes eine ursächliche Rolle spielt. Demnach führt eine von Il-1ß vermittelte Entzündungsreaktion dazu, dass die insulinproduzierenden Zellen in der Bauchspeicheldrüse versagen. Zu geringe Insulinausschüttung bedeutet zugleich, dass zu viel Zucker – genauer: Glucose – im Blut verbleibt. Das Studienergebnis bestätigte die Forscher: Der Blutzucker-Stoffwechsel der Anakinra-Gruppe verbesserte sich bereits nach einer Woche deutlich und anhaltend.

Keine Zulassung für Il-1ß- Antikörper

Das Problem war, dass Anakinra täglich gespritzt werden musste und zudem häufig zu Entzündungen an der Einstichstelle führte. Daher setzten die Forscher um Donath stattdessen bald auf Il-1ß- Antikörper. Drei Jahre werde es dauern, bis ein entsprechendes Medikament auf dem Markt sei, prognostizierte Marc Donath 2009.

Doch bis heute gibt es keinen Il-1ß-Gegenspieler, der für die Diabetes-Therapie zugelassen ist. "Ich habe die Schwierigkeiten auf dem Weg in den Markt unterschätzt", räumt Donath ein. Dazu gehöre, dass es den Zulassungsbehörden nicht mehr genüge, wenn ein Medikament den Blutzucker senkt. Die Hersteller müssten auch aufwendig nachweisen, dass es Risiken wie Herzinfarkte oder frühzeitige Todesfälle reduziert. Eckhard Lammert vom Deutschen Diabetes-Zentrum in Düsseldorf sagt: "Es gibt viele Medikamente, die in der Lage sind, den Blutzucker zu senken. Und bislang ließ sich nicht eindeutig belegen, dass Il-1ß- Antikörper in irgendeiner Hinsicht deutlich besser sind als diese Medikamente."

Neuer Anlauf?

Ende August wurden Ergebnisse einer Studie mit dem Il-1ß-Antikörper Canakinumab vorgestellt, die vom Hersteller Novartis gesponsert wurde. Zugelassen ist das sehr teure Medikament – mehr als 10.000 Euro pro Dosis – bislang für die Behandlung seltener entzündlicher Krankheiten. Die an der Studie Cantos beteiligten Mediziner zeigten, dass Canakinumab-Injektionen das Risiko verringern, nach einem Herzinfarkt weitere Infarkte oder Schlaganfälle zu erleiden. Sozusagen nebenbei sollten die Mediziner feststellen, ob die Injektionen auch bewirkten, dass die 10.000 Studienteilnehmer seltener an Diabetes erkrankten.

Das Resultat laut Novartis: "In dem mit Canakinumab behandelten Kollektiv wurde die gleiche Inzidenz für das Neuauftreten von Diabetes Typ 2 beobachtet wie unter Placebo." Donath, Mitglied des Cantos-Lenkungsausschusses, findet diese Aussage "sehr eigenartig": Die Daten zu Diabetes müssten erst noch analysiert werden. So oder so – nach einem therapeutischen Durchbruch sieht es nicht aus.

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