Zur Alzheimer-Diagnose: Immer der Nase nach!

Um die ersten Anzeichen einer Alzheimer-Erkrankung aufzuspüren, reicht möglicherweise ein Blick in die Nase: Dort scheinen sich nämlich bereits in einem sehr frühen Stadium der Demenz typische Ablagerungen anzusammeln, die sich mit einem speziellen Farbstoff sichtbar machen lassen. Entdeckt hat das ein Team aus Chemikern und Pathologen um den Darmstädter Boris Schmidt. Es sei also durchaus denkbar, dass man in Zukunft einem Patienten bei einem Verdacht auf Alzheimer ein Nasenspray mit dem entsprechenden Farbstoff verabreicht, sagt der Chemiker. Anschließend könnte dann mithilfe eines einfachen Endoskops nachgeschaut werden, ob die Ablagerungen vorhanden sind. Bis dahin ist es allerdings noch ein weiter Weg: Bevor der Farbstoff auf diese Weise eingesetzt werden kann, müssen die Wissenschaftler ihn erst einmal auf Herz und Nieren prüfen.
"Eigentlich haben wir nach einer Möglichkeit gesucht, erste Anzeichen von Alzheimer in der Retina, der Netzhaut des Auges, zu identifizieren", erzählt Schmidt. Bei einer Literaturrecherche habe er jedoch entdeckt, dass eine der Sonden, die für die Alzheimer-Diagnostik entwickelt wurden, auch Teile der Nasenschleimhaut mit anfärbte. "In den klinischen Studien war das wohl ein unerwünschter Nebeneffekt, der sogar gezielt neutralisiert wurde", sagt der Chemiker. Ihm selbst habe dieses Phänomen allerdings zu denken gegeben.

Zusammen mit dem Darmstädter Pathologen Roland Heyny-von Haußen untersuchte er daraufhin gezielt die Nase und wurde tatsächlich fündig: "Es gibt zwar keine Amyloid-Ablagerungen in der Schleimhaut" ? diese Proteinfragmente bilden die typischen Plaques im Gehirn von Alzheimer-Patienten ?, "aber wir fanden relativ große Mengen des Tau-Proteins." Dieses Eiweiß ist das zweite charakteristische Merkmal für Alzheimer, es bildet faserartige Bündel innerhalb der Hirnzellen von Betroffenen. "Erstaunlicherweise sind diese Ablagerungen aber nicht nur, wie man erwarten könnte, in den Nervenzellen, sondern vor allem in den Drüsen in der Nasenschleimhaut, die das Nasensekret produzieren", berichtet Schmidt. Warum sich die Proteine ausgerechnet dort anreichern, ist bislang völlig unklar.

Der Fund eröffnet ganz neue Perspektiven für die Früherkennung der Demenz-Erkrankung, die bisher nur mithilfe von Gedächtnistests in einem eher späten Stadium diagnostiziert werden kann: Die Tau-Ablagerungen in der Nase scheinen schon nachweisbar zu sein, wenn sich noch keine oder nur sehr schwache Symptome zeigen. Zudem korreliert ihre Menge mit dem Ausmaß der Schädigung im Gehirn. Das legen zumindest die bisher vorhandenen Daten nahe, die aus der Untersuchung der Nasenschleimhaut von 24 Verstorbenen stammen. Größere Studien gibt es noch nicht, denn die Darmstädter stehen vor einem Problem: Ihr Farbstoff ist ganz neu. Bevor seine Verträglichkeit in Tierversuchen und gesunden Probanden nachgewiesen wurde ? Schmidt spricht von Entwicklungskosten von drei bis fünf Millionen Euro ?, darf er nicht bei lebenden Menschen eingesetzt werden.

Die Wissenschaftler sind daher zumindest erst einmal weiterhin auf die Nasen Verstorbener angewiesen. Mindestens 100 wollen sie untersuchen, um die Zuverlässigkeit der Methode möglichst gut belegen zu können. Das sei jedoch ebenfalls nicht gerade einfach, weil viele Menschen zwar bereit seien, nach ihrem Tod ihr Gehirn oder ihre Organe der Wissenschaft zu spenden, nicht jedoch ihre Nase oder ihre Augen, erzählt Schmidt. Eine andere Alternative sind Gewebeproben, die aus der Nase lebender Patienten entnommen werden. "Wir können dabei den Spieß einfach umdrehen, denn sobald das Gewebe nicht mehr im Körper ist, dürfen wir diese Farbstoffe einsetzen", sagt der Chemiker. Klares Ziel bleibe jedoch der Einsatz des Farbstoffs in der intakten Nase beim lebenden Menschen. Damit würde dann nicht nur eine relativ einfache und schonende Früherkennung möglich, sondern auch eine Verlaufskontrolle während einer potenziellen zukünftigen Therapie.
Mitteilung der TU Darmstadt

© wissenschaft.de ? Ilka Lehnen-Beyel


Reload-Capcha neu laden Text der identifiziert werden soll

Bitte geben Sie zusätzlich noch den Sicherheitscode ein!

Rubriken

 


Harte Nuss
Rätsel: Berühmte Entdecker gesucht

 

Der Buchtipp

Resilienz ist die Fähigkeit, trotz widriger Umstände ohne große Blessuren im Leben zu stehen. Aber ist sie eine Charaktereigenschaft oder wird sie bei einem Prozess erworben? Jenseits der vielfältigen Ratgeberliteratur ein kundiges Werk zum Thema.

Zu allen Buchtipps


Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der Konradin Mediengruppe