"Rosa Brille" dank Oxytocin

Unter dem Einfluss von Oxytocin nehmen wir positive Informationen stärker wahr, negative dagegen schwächer (Foto: Jason Doly/iStock)

Das "Kuschelhormon" Oxytocin stärkt unsere Beziehungen, macht uns sozialer und nimmt die Angst. Wie sich jetzt in einem Experiment zeigt, setzt uns der Botenstoff aber auch regelrecht eine "rosa Brille" auf. Denn unter seinem Einfluss berücksichtigen wir positives Feedback stärker und neigen dazu, negatives Feedback gar nicht erst zu registrieren. Dadurch wird unser Bild der Welt und von uns selbst eher optimistischer, wie die Forscher erklären. Diese Neigung zum Optimismus wiederum macht uns sozial erfolgreicher.

Lange Zeit galt das Neuropeptid Oxytocin als reines Mutterschaftshormon: Es löst die Muskelkontraktionen bei den Wehen aus und stärkt nach der Geburt die Bindung zwischen Mutter und Kind. Inzwischen allerdings hat sich herausgestellt, dass dieser Botenstoff auf vielfältige Weise bei unserem Sozialverhalten mitmischt. Wie Studien belegen, fördert das Oxytocin die Treue zum aktuellen Partner, stärkt unsere Empathie und macht es uns leichter, uns in andere Menschen einzufühlen. Gleichzeitig hemmt es Angst und negative Gefühle und dämpft Misstrauen gegenüber anderen. Negative soziale Signale, darauf deuten Studien mit Rhesusaffen hin, werden unter dem Einfluss dieses Hormons weniger aufmerksam wahrgenommen – was auch von Nachteil sein kann. Yina Ma von der Beijing Normal University in Peking und ihre Kollegen haben nun einen eng damit verwandten Aspekt untersucht: Sie wollten wissen, ob Oxytocin unsere Wahrnehmung positiver oder negativer Feedbacks beeinflusst. "Die Anpassung unserer Annahmen und unseres Verhaltens aufgrund von Feedback sind entscheidend dafür, dass wir uns erfolgreich an sich verändernde Bedingungen anpassen können", erklären die Forscher. Denn nur, wenn wir aus Erfahrungen lernen, können wir unser Verhalten optimieren.

Interessanterweise neigen die meisten Menschen jedoch dazu, positives, unser Handeln bestärkendes Feedback mehr zu berücksichtigen und wahrzunehmen als negatives. Ob das Oxytocin auch für diese "rosa Brille" eine Rolle spielt, haben die Forscher nun in Experimenten mit gut 300 chinesischen Studenten untersucht. Die Hälfte bekam vor Versuchsbeginn Oxytocin per Nasenspray verabreicht, die andere erhielt ein Placebo-Spray. Im eigentlichen Test sollten die Teilnehmer zunächst angeben, wie wahrscheinlich sie ihrer Ansicht nach in ihrer Zukunft 40 verschiedene negative Lebenserfahrungen – Krankheit, Trennung, Unfall und Ähnliches – erleben werden. Dies bildete den Basiswert. Anschließend bekamen sie von den Forschern Information darüber, wie häufig diese Ereignisse einem durchschnittlichen Menschen in vergleichbaren Lebensumständen zustoßen. Fünf Minuten danach wurde der erste Einschätzungstest wiederholt: Wieder sollten die Teilnehmer angeben, für wie wahrscheinlich sie die 40 jetzt in anderer Reihenfolge präsentierten Ereignisse im eigenen Leben halten – und wie sicher sie sich dabei sind.

Optimistischer mit Oxytocin

Wie die Auswertung ergab, reagierten die Probanden unter Oxytocin-Gabe tatsächlich anders als ihre Mitteilnehmer: Sie schätzten das Risiko für negative Lebensereignisse im zweiten Einschätzungstest deutlich geringer ein als noch im ersten – obwohl sie den Informationen nach einige Angaben ins Negative hätten korrigieren müssen. Wie die Forscher berichten, kam dieser Effekt zustande, weil die Teilnehmer selektiv die Informationen berücksichtigt hatten, die ihre anfängliche Einschätzung zu ihren Gunsten korrigierte. Hatten sie dagegen das Risiko für ein Ereignis beim Basistest zu optimistisch eingeschätzt, neigten sie dazu, das Feedback dazu zu vergessen und trotzdem weiter optimistisch zu bleiben. "Das Oxytocin macht es den Probanden offenbar leichter, Irrtümer in positiver Richtung zu korrigieren als in negativer", berichten Ma und ihre Kollegen. Gleichzeitig stieg unter Oxytocin-Einfluss auch die Zuversicht der Probanden, mit ihrer Einschätzung richtig zu liegen.

Nach Ansicht der Forscher belegen diese Ergebnisse, dass Oxytocin ein Schlüsselmolekül für das sogenannte "optimistische Belief-Updating"  ist – also die Nachjustierung unserer Annahmen und Einschätzungen aufgrund von Informationen und Feedback von außen. Das "Kuschelhormon" setzt uns demnach nicht nur eine Rosa Brille auf, wenn es um das Vertrauen zu einem Gegenüber geht oder die Reaktion auf mögliche Gefahren. Es sorgt auch dafür, dass wir eher auf positive Verstärkung und optimistisches Feedback reagieren als auf negatives. Das aber ist nach Meinung vieler Psychologen auch durchaus sinnvoll: "Optimistisches Updating verbessert das Wohlergehen, den sozialen Erfolg und das physische Wohlbefinden des Einzelnen", erklären Ma und ihre Kollegen. "Optimistischere Menschen haben in der Regel bessere soziale Kontakte und Beziehungen, erfahren stärkere soziale Unterstützung und haben größere soziale Netzwerke." 

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