Breiter Schreibtisch, mehr Unehrlichkeit

Eine Pose, die ein Machtgefühl vermittelt - unter Umständen aber auch Unehrlichkeit fördern kann. (© Thinkstock)
Eine Pose, die ein Machtgefühl vermittelt - unter Umständen aber auch Unehrlichkeit fördern kann. (© Thinkstock)

Leute mit großen Autos halten sich nicht an die Verkehrsregeln, und Chefs von großen Unternehmen lassen gerne einmal Fünfe gerade sein – klassische Vorurteile, nicht selten geboren aus Neid. Eine US-Studie zeigt jetzt jedoch: Diese Klischees könnten einen wahren Kern haben. Denn die unmittelbare Umgebung, sei es Schreibtisch, Autositz oder der Fernsehsessel zu Hause, bestimmen die Körperhaltung ihres Nutzers – und damit möglicherweise auch den Grad seiner Unehrlichkeit.

Wer sich gut und mächtig fühlt, hat eine andere Körperhaltung als sonst: Der Oberkörper ist aufgerichtet, die Brust vorgereckt und die Arme weit offen an der Seite. Doch das Prinzip greift auch umgekehrt, haben Forscher vor einigen Jahren überrascht festgestellt: Wer etwa eine offene, gestreckte Haltung einnimmt, fühlt sich machtvoller und selbstbewusster. Eine zusammengekauerte Pose verringert dagegen das Selbstwertgefühl und das Machtbewusstsein.

Zusammengedrückt vom Büromöbel

Doch was ist im Alltag, in den vielen Situationen, in denen man solche Körperhaltungen nicht absichtlich einnimmt, sondern gezwungenermaßen – etwa weil der Schreibtisch am Arbeitsplatz riesig ist oder der Autositz eine bestimmte Haltung erfordert? Diese Überlegung war der Ausgangspunkt für die Untersuchung von Andy Yap an der Columbia Business School in New York und seinen Kollegen. Es handelt sich dabei mitnichten um eine rein akademische Frage, denn ein Gefühl der Macht beeinflusst Verhalten und Stimmungslage – das haben bereits viele Studien gezeigt: Es kann beispielsweise die persönliche Risikobereitschaft erhöhen, verbessert häufig auch die Kreativität und die Stressresistenz, lässt aber ebenso den Hang zu Unehrlichkeit und Egoismus in den Vordergrund treten.

Yap und sein Team entwarfen daher vier Szenarien, um zu testen, ob es im Alltag tatsächlich einen solchen Zusammenhang zwischen Unehrlichkeit und Körperhaltung gibt. Im ersten baten sie 88 Passanten, sich einmal zu strecken oder zusammenzukauern und dabei Bilder von Gesichtern anzusehen – letztere dienten dazu, den eigentlichen Zweck der Studie zu maskieren. Dafür wurde ihnen eine Belohnung von vier Dollar versprochen. Tatsächlich drückten die Forscher den Teilnehmern am Ende jedoch nicht vier Ein-Dollar-Scheine in die Hand, sondern einen Fünfer und drei Ein-Dollar-Noten – und schauten, wie viele von ihnen diesen "Fehler" melden würden. Der Unterschied war verblüffend deutlich, berichten Yap und seine Kollegen: Von denen, die zuvor die kauernde Haltung eingenommen hatten, behielten 38 Prozent das zusätzliche Geld. Bei denen aus der gestreckten Gruppe waren es dagegen 78 Prozent.

Kleine Unterlage mit großer Wirkung

Im zweiten Teil gingen die Psychologen dann zu einer Situation über, in der die Probanden nicht gezielt eine bestimmte Körperhaltung einnehmen sollten, sondern dies unbewusst taten. Ihre Aufgabe war es zunächst, Wörter aus Buchstabensalat zusammenzusetzen – pro richtigem Wort wurde ihnen ein Dollar versprochen. Dann sollten sie an einem Arbeitsplatz mit einer Schreibtischunterlage eine Kollage aus Materialien zusammenstellen, die rund um die Unterlage platziert waren. Die Hälfte der 34 Teilnehmer dieses Teils bekam dabei eine 60 mal 95 Zentimeter große Unterlage, musste sich also deutlich strecken, um die Materialien einzusammeln und hatte anschließend viel Platz fürs Basteln. Bei der anderen Hälfte war die Unterlage dagegen lediglich 30 mal 50 Zentimeter groß. In diesen Fällen mussten die Probanden die Arme eng am Körper halten und ihren Rücken krümmen, um ihre Kollage fertigstellen zu können.

Am Ende des Tests gaben die Forscher dann vor, gerade etwas im Stress zu sein und gaben den Teilnehmern die Lösungsbögen des Wortspiels in die Hand, so dass sie ihre Punktzahl und damit Belohnung selbst ausrechnen konnten. Auch hier zeigte sich wieder: Die gestreckte Haltung der Teilnehmer mit den großen Unterlagen verfehlte ihre Wirkung nicht – diese Probanden gaben im Vergleich zur anderen Gruppe deutlich häufiger an, mehr Wörter gefunden zu haben, als das tatsächlich der Fall gewesen war.

Rücksichtsloser Fahrstil

Im dritten Test entschieden sich die Forscher für einen Fahrsimulator, um zu sehen, ob sich die Körperhaltung auch im Straßenverkehr auf das Verhalten auswirkt. Wieder teilten sie ihre Freiwilligen – diesmal 71 Studenten – in zwei Gruppen ein: In der einen saßen die Teilnehmer sehr nah am Armaturenbrett und konnten sich daher beim Fahren kaum bewegen. In der anderen mussten sie sich dagegen stark recken, um Pedale und Lenkrad zu erreichen. Beim eigentlichen Test sollten die Probanden dann in einem simulierten Rennen innerhalb von fünf Minuten das Ziel erreichen, um eine Belohnung von zehn Dollar zu erhalten. Vorgabe war allerdings, dass sie nach jeder Kollision zehn Sekunden warten, bevor sie weiterspielten.

Dieser Test zeigte zwei Dinge: Zum einen fuhren die Probanden auf den großzügigen Sitzen sehr viel rücksichtsloser als die anderen – sie kamen im Schnitt auf 7,1 Kollisionen, die andere Gruppe nur auf 4,3. Und zum anderen hielten sie mehr als doppelt so häufig nicht die vereinbarten zehn Sekunden nach den Kollisionen ein.

Probe in freier Wildbahn

Schlussendlich machten die Wissenschaftler noch einen Praxistest: Sie patrouillierten New Yorks Straßen und schauten sich an, welche Art von Autos unerlaubterweise in zweiter Reihe parkten. Selbst bei dieser sehr groben Untersuchung habe sich gezeigt, dass es sich bei den Falschparkern signifikant häufiger um Autos mit ungewöhnlich breiten Fahrersitzen und geräumigen Cockpits gehandelt habe. Natürlich ließe sich nicht ausschließen, dass das auch den im Allgemeinen größeren Ausmaßen solcher Autos geschuldet war, räumen sie ein. Zusammen mit dem vorhergehenden Test liege aber die Vermutung nahe, dass Fahrer in großen Autos es schlicht nicht ganz so genau mit den Verkehrsregeln nähmen.

Zusammenfassend müsse man sagen, dass die persönliche Umgebung, sei es nun der Arbeitsplatz, das Auto oder auch das Zuhause, möglicherweise unser Verhalten unbewusst viel stärker prägen als bisher angenommen – einfach dadurch, dass sie uns zu bestimmten Körperhaltungen zwingen, kommentiert das Team. Das kann, wie in den Tests hier gezeigt, negative Konsequenzen haben, etwa durch mehr Unehrlichkeit. Der Grund dafür sei vermutlich, dass ein größeres Machtgefühl den Fokus mehr auf das eigene Selbst verschiebt, mutmaßen die Forscher. Allerdings hätten bereits mehrere Studien gezeigt, dass das das Verhalten nicht unbedingt negativ beeinflussen muss – unter den richtigen Bedingungen kann dadurch auch die Konzentration geschärft und die Stressresistenz verbessert werden. Man müsse nun schauen, ob man diese Bedingungen nicht auch im Alltag schaffen könne.

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