Endlich wieder Kind sein!

Wer in der virtuellen Welt einen Kinderkörper hat, übernimmt unwillkürlich auch die Perspektive eines Kindes. (Mel Slater)

Noch einmal Kind sein? Für 30 erwachsene Spanier wurde dieser Wunsch jetzt zu einem gewissen Grad Realität, genauer gesagt: virtuelle Realität. In einem Versuch an der Universität von Barcelona schlüpften sie mit Hilfe eines Kamera-Display-Systems in den Körper eines vierjährigen Kindes. Das hatte eine erstaunliche Wirkung darauf, wie sie ihre Umwelt wahrnahmen: Sie überschätzten die Größe virtueller Objekte massiv – so stark sogar, dass sich der Effekt nicht nur mit der geringeren Körpergröße erklären lässt.

Es ist relativ leicht, eine Person in die (virtuelle) Haut eines anderen schlüpfen zu lassen – selbst dann, wenn der neue Körper in vielerlei Hinsicht völlig anders aussieht als der eigene. Gummigliedmaßen, ein sehr dicker Bauch, überproportional lange Arme, eine andere Hautfarbe, ein stark gealterter Körper oder eine völlig andere Körpergröße – bereits nach kurzer Zeit betrachtet der Proband den "neuen" Körper als den eigenen und verhält sich entsprechend. Voraussetzung ist jedoch eine sogenannte multisensorische Stimulation während der Sitzung in der virtuellen Realität: Es reicht meist nicht aus, den Teilnehmer nur durch die Augen des virtuellen Körpers sehen zu lassen, auch die Bewegungen müssen exakt synchron verlaufen. Zudem sollten Berührungen am virtuellen Ich auch am realen Körper zu spüren sein.

In einen Kinderkörper versetzt

Berührungen waren bei der aktuellen Studie zwar nicht im Spiel, aber ein längerer Aufenthalt in einer virtuellen Realität in einem neuen Körper, der sich synchron mit dem eigenen bewegte. Er war lediglich 91,5 Zentimeter groß und kam in zwei verschiedenen Varianten daher: einmal handelte es sich um eine verkleinerte Version eines erwachsenen Körpers, während im zweiten Test die Körperproportionen denen eines vierjährigen Kindes entsprachen. Alle 30 Probanden absolvierten jeweils eine Sitzung in dem erwachsenen und eine in dem kindlichen Körper.

Sie sollten sich dazu zunächst, ausgestattet mit einer Videobrille und einem sensorgespickten Anzug, in einem virtuellen Wohnzimmer umherbewegen. Dabei konnten sie ihren neuen Körper entweder durch Herabblicken an sich selbst oder in einem an der Wand befestigten Spiegel sehen. Nachdem sie sich mit der Umgebung vertraut gemacht hatten, wurden ihnen pinkfarbene Würfel in verschiedenen Größen gezeigt – mit Kantenlängen von 15, 30 und 45 Zentimetern. Die Aufgabe bestand dann darin, mit den Händen in etwa die Größe jedes Würfels anzuzeigen. Anschließend öffneten sich zwei Türen in der Wand des Wohnzimmers, von denen sich die Teilnehmer möglichst schnell für eine entscheiden sollten. Tür eins führte in ein Kinderzimmer, Tür zwei in ein klassisches Arbeitszimmer. Am Schluss des Tests gab noch es eine Art Reaktionstest, bei dem Begriffe sehr schnell entweder mit dem Attribut "selbst" oder dem Attribut "fremd" assoziiert werden mussten.

Verschobene Größen-Wahrnehmung

Alle Probanden identifizierten sich recht schnell mit ihrem neuen Körper, ergab die Auswertung. Das zeigte sich zum Beispiel daran, dass die im Kinderkörper steckenden Teilnehmer eher das Kinderzimmer wählten und kindliche Eigenschaften eher auf sich bezogen als ihre Kollegen im geschrumpften Erwachsenenkörper. Einen großen Unterschied gab es bei der Wahrnehmung der Umwelt: Zwar überschätzten alle die Größe der Objekte, im Kinderkörper war die Fehleinschätzung aber teilweise mehr als doppelt so groß wie im verkleinerten Erwachsenenkörper.

Die Körpergröße ist also eine wichtige, aber nicht die einzige Bezugsgröße, auf deren Basis wir die Umwelt bewerten und wahrnehmen, interpretieren die Forscher dieses Ergebnis. Es scheinen auch noch zusätzliche mentale Mechanismen einzugreifen, die auf Erwartungen oder früheren Erfahrungen basieren. Für den aktuellen Fall heißt das: Das Schlüpfen in den Kinderkörper aktiviert Erinnerungen und Eindrücke, die man selbst als Kind gemacht hat. So erschienen einem mit vier Jahren die Dinge in der Umgebung riesig – und genau diese Erfahrung scheint im Versuch die ohnehin aufgrund der geringen Körpergröße auftretende Überschätzung von Größen zu verstärken.

Derartige Effekte sollte man im Hinterkopf behalten, wenn man einen Avatar für virtuelle Interaktionen wählt, empfehlen die Forscher. Denn offenbar kann nicht nur den Mensch den Avatar beeinflussen, sondern der Avatar auch den Menschen – inklusive der Wahrnehmung und des Verhaltens.

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