Scheidungskinder: Infektiöse Spätfolgen

Bei konfliktreichen Scheidungen leiden die Kinder auch als Erwachsene noch (Grafik: weerapatkiatdumrong/ iStock)

Scheidungskinder haben es oft schwer – und das manchmal noch im Erwachsenenalter. Denn wenn die Scheidung konfliktreich verläuft und die Eltern hinterher nicht mehr miteinander reden, verstärkt dies die Spätfolgen bei den Kindern, wie ein Experiment belegt: Noch als Erwachsene sind Kinder aus solchen Scheidungen anfälliger gegenüber Infektionen – sie entwickeln nach einem Virusinfekt dreimal häufiger eine Erkältung. Verlief die Scheidung dagegen glimpflich und beide Eltern kümmerten sich gemeinsam um die Kinder, dann blieb dieser negative Effekt aus.

In den letzten Jahrzehnten ist die Zahl der Ehescheidungen in den meisten Industrieländern deutlich angestiegen. Für Kinder ist es daher keine Seltenheit mehr, mit getrennt lebenden Eltern aufzuwachsen. Das allerdings geht oft nicht spurlos an ihnen vorüber: Studien belegen, dass Scheidungskinder überproportional häufiger unter psychosozialen Problemen leiden, aber auch körperlich anfälliger sind: Sie entwickeln häufiger Asthma und Infektionen nehmen bei ihnen eher einen schwereren Verlauf. In jüngster Zeit mehren sich zudem die Hinweise darauf, dass die Erfahrung einer elterlichen Scheidung auch noch bis ins Erwachsenenalter nachwirken kann. Scheidungskinder sind demnach auch Jahrzehnte später noch krankheitsanfälliger und haben ein höheres Risiko für Herzinfarkte, Schlaganfälle und vielleicht sogar einige Krebsarten. Allerdings: Die Stärke dieser Spätfolgen ist sehr unterschiedlich und auch die biologische Basis dafür ist bisher wenig erforscht. Zudem deute Studien daraufhin, dass weniger die Scheidung selbst, als vielmehr das damit verbundene Ausmaß der Konflikte und familiären Zerrüttung für die langfristigen Auswirkungen entscheidend sein könnten. "Demnach wirken sich nicht alle Formen der elterlichen Trennung auf Kinder gleichermaßen schädigend aus", erklären Michael Murphy von der Carnegie Mellon University und seine Kollegen.

Um das Was und Wie solcher Scheidungsfolgen näher zu untersuchen, führten die Forscher ein Experiment mit 201 Freiwilligen durch, darunter 92 mittlerweile erwachsenen Scheidungskindern. Durch intensive Befragung ermittelten die Wissenschaftler zunächst, ob die elterliche Trennung einvernehmlich und harmonisch abgelaufen war und sich beide Eltern auch hinterher noch gemeinsam um die Kinder kümmerten oder ob zwischen den Eltern nach der Scheidung Streit und "Funkstille" herrschte. Bei 51 Versuchspersonen war letzteres der Fall. Dann begann der eigentliche Versuch: Alle Teilnehmer wurden nach einer sechstägigen Quarantäne einem Infektionstest unterzogen. Sie bekamen per Nasentropfen einen Erkältungsvirus verabreicht und die Forscher beobachteten, ob und wie stark die Versuchspersonen erkrankten.

Dreimal mehr Erkältungen

Dabei zeigte sich: "Die Scheidungskinder, deren Eltern nach ihrer Trennung nicht mehr miteinander redeten, entwickelten drei Mal häufiger eine Erkältung als die restlichen Versuchspersonen", berichten Murphy und seine Kollegen. Bei Scheidungskindern, deren Eltern auch später einen guten Kontakt hielten und sich gemeinsam um die Kinder kümmerten, war dies nicht der Fall. Diese Unterschiede blieben auch dann erhalten, als die Forscher zusätzliche Einflussfaktoren wie Einkommensverhältnisse der Familie, Bildungsstand der Eltern und Lebensweise der Kinder mitberücksichtigten. Weitere Untersuchungen belegten zudem, dass die Probanden aus der "Funkstille"-Gruppe mehr entzündungsfördernde Botenstoffe in ihrem Blut hatten. Dies könnte ihre höhere Anfälligkeit gegenüber der Infektion erklären, wie die Wissenschaftler berichten. Denn ähnlich wie schon frühere Studien zu Scheidungskindern belegt haben, sei dies ein Hinweis darauf, dass das Immunsystem der betroffenen vorbelastet ist. "Unsere Ergebnisse enthüllen das Immunsystem als wichtigen Mittler der langfristigen negativen Auswirkungen früher familiärer Konflikte", sagt Murphys Kollege Sheldon Cohen.

Nach Ansicht der Forscher bestätigt dies, dass die Art der Scheidung und der familiären Konflikte eine entscheidende Rolle dafür spielt, ob und wie stark die Kinder aus solchen Familien später unter Folgen leiden. "Kinder, deren Eltern getrennt sind und den Kontakt abgebrochen haben, sind anhaltenden Konflikten ausgesetzt, die Stress verursachen, bedrohlich wirken und eine gute Elternschaft verhindern können", erklären die Forscher. Das beeinträchtigt die Psyche und indirekt darüber auch das Immunsystem. Im Gegensatz dazu kann eine gute Beziehung der Eltern auch nach der Scheidung offenbar einiges ausgleichen – zumindest was die Spätfolgen angeht. "Nicht jede Scheidung ist gleich – und eine anhaltende Kommunikation zwischen den Eltern puffert die negativen Effekte der Trennung auf die Gesundheit ihrer Kinder ab", sagt Murphy. "Unsere Studie ist damit ein wichtiger Schritt vorwärts, wenn es darum geht zu verstehen, wie familiärer Stress ein Kind auch 20 bis 40 Jahre später noch prägt."

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