Qualvoll: Nichts tun, nur denken

Courtesy of Science/AAAS

Mal den Stress des Lebens ausblenden, nichts tun, sich in sich selbst zurückziehen und nachdenken - hört sich eigentlich angenehm an. Doch offenbar ist es das für viele Menschen nicht – im Gegenteil: Einer experimentellen Studie zufolge empfindet die Mehrheit das in sich gekehrte Nichtstun als schwierig oder unangenehm. Die meisten bevorzugen Beschäftigung, sogar wenn die einzige Betätigungsmöglichkeit darin besteht, sich selbst wehzutun.

„Wer sich gerne mal eine Auszeit nimmt, um in sich zu gehen, dem mögen unsere Ergebnisse erstaunlich erscheinen - mir selbst ging es so", sagt Studienleiter Timothy Wilson von der Harvard University in Cambridge. „Doch die meisten Menschen scheinen das nicht zu mögen, sogar wenn es nur für kurz ist". 6 bis 15 Minuten lang baten Wilson und seine Kollegen ihre Studienteilnehmer, sich allein und tatenlos nur mit ihren eigenen Gedanken zu beschäftigen. Die ersten Versuche führten die Forscher mit Studenten in einer Labor-Umgebung durch: Die Probanden saßen in einem nüchternen Raum und sollten sich nur mit ihren eigenen Gedanken beschäftigen. Anschließend wurden sie über ihre Empfindungen bei dieser Erfahrung befragt. Ergebnis: Die meisten sagten, dass die simpel scheinende Aufgabe schwierig für sie war oder dass sie sich dabei unwohl gefühlt haben. Doch lag das vielleicht nur an der tristen, fremden Umgebung?

Um dies auszuschließen, wiederholten die Forscher das Experiment vor häuslichem Hintergrund: Die Probanden sollten sich diesmal daheim still mit ihren Gedanken beschäftigen. Das Ergebnis war ähnlich wie zuvor: Die meisten fanden diesen „Zeitvertreib" zuhause sogar noch etwas unangenehmer als im Labor. „Ein Drittel der Studienteilnehmer gab sogar zu, geschummelt zu haben: Sie machten sich Musik an, benutzten ihr Handy oder verließen ihren Stuhl", berichtet Wilson.

Um zu überprüfen, ob es sich um ein Phänomen handelt, das nur für junge Menschen beziehungsweise Studenten typisch ist, führten die Forscher ihre Ergebnisse zusätzlich mit Probanden im Alter zwischen 18 und 77 Jahren durch, die aus einem breiten Spektrum von Hintergründen stammten. Auch in diesem Fall führten die Versuche unterm Strich zu dem gleichen Ergebnis. „Es war überraschend, dass auch viele ältere Leute es nicht mögen, nur auf Nachdenken reduziert zu sein", sagt Wilson.

Da geb ich mir doch lieber einen Elektroschock!

Da die meisten Menschen offenbar lieber irgendetwas tun, als nur zu denken, entwickelten die Wissenschaftler eine weitere „fiese" Versuchsvariante: „Würden die Probanden sogar eher etwas Unangenehmes tun als gar nichts?" Wieder baten sie die Versuchsteilnehmer, sich nur mit ihren Gedanken zu beschäftigen – diesmal hatten sie aber zumindest eine  Möglichkeit zur Beschäftigung: Sie konnten sich selbst durch einen Knopfdruck einen leichten aber dennoch unangenehmen Stromstoß verpassen. Alle Freiwilligen bekamen zuvor eine Kostprobe des Elektroschocks. Alle gaben an, lieber fünf US-Dollar zu bezahlen, als sich nochmal damit traktieren zu lassen. Doch als der schlagkräftige Knopfdruck im Rahmen des 15-minütigen Nichtstu-Versuchs die einzige Betätigungsmöglichkeit war, nutzten ihn einige der Studienteilnehmer dennoch. 12 von 18 Männern betätigten ihn zumindest ein Mal, bei den Frauen waren es 6 von 24.

Die Forscher wollen nun in weiteren Untersuchungen herausfinden, warum genau es die meisten Menschen so schwierig finden, allein auf ihre Gedanken reduziert zu sein. Wilson zufolge sei aber die Wurzel des Phänomens möglicherweise, dass es eine wichtige Funktion unseres Geistes ist, eine Verbindung zur Außenwelt herzustellen. Vielleicht stellt deshalb das Gegenteil für viele eine solche Herausforderung dar. Dies könnte auch der Grund sein, warum Menschen Meditation und andere Techniken zur positiven Beeinflussung geistiger Aktivität entwickelt haben.
 

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