Persönlichkeit: Ich, der Avatar

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Onlinespiele, Internetforen, Soziale Netzwerke: auf den Spielwiesen des Internets kommunizieren wir immer öfter mit Menschen, die wir offline gar nicht kennen. Dabei entwickeln wir trotzdem eine genaue Vorstellung von der Persönlichkeit unseres Gegenübers. Denn Hinweise gibt es genug: wie ist der Schreibstil einer Person, welchen Nutzernamen hat sie gewählt, wie sieht der Avatar aus, der sie in der Onlinewelt repräsentiert? Ob der auf diese Weise gewonnene Eindruck treffend ist, können wir in der Regel nicht überprüfen. Kanadische Forscher habe genau das nun einmal untersucht.

Für ihre Studie haben die Psychologen Katrina Fong und Raymond Mar von der York University in Toronto die Wirkung von Online-Avataren unter die Lupe genommen – jene Charaktere, die als optische Identifikationsfiguren in der virtuellen Welt dienen. Sie wollten wissen: Welche Persönlichkeitsmerkmale werden über diese Figuren kommuniziert? Und entspricht das auf diese Weise vermittelte Bild der Realität? Zwar deuten einige Untersuchungen darauf hin, dass die meisten Menschen dazu tendieren einen Avatar zu gestalten, der ihnen ihrer Meinung nach ähnelt. Andererseits bieten Avatare die verlockende Möglichkeit, eine alternative Wirklichkeit zu erschaffen. Wir können unser Aussehen eigenen Wunschvorstellungen anpassen, sowie bestimmte Charaktereigenschaften betonen und andere unterschlagen – sprich: eine Figur kreieren, die so ist, wie wir gerne von anderen wahrgenommen werden möchten.

Um zu erkennen, inwiefern das Persönlichkeitsprofil eines Nutzers dem Profil ähnelt, das sein Avatar vermittelt, haben Fong und Mar zwei verschiedene Aspekte von Übereinstimmung überprüft. Sie analysierten erstens, wie genau das wahrgenommene Ausmaß eines  bestimmten Charakterzugs mit der Realität übereinstimmt. Zweitens testeten sie, wie genau dieses Merkmal im Verhältnis zum Durchschnitt bewertet werden konnte. Zum Beispiel: Wie viel weltoffener als eine durchschnittliche Person ist dieser Mensch?

Realitätsgetreu oder irreführend?

Dafür mussten die Teilnehmer in der ersten Phase der Studie individuelle Avatare im Cartoon-Stil gestalten. In der zweiten Phase wurden die so entstandenen Figuren dann von einer weiteren Probandengruppe bewertet. Beurteilt wurden die fünf grundlegenden Persönlichkeitszüge Aufgeschlossenheit, Gewissenhaftigkeit, Weltoffenheit, Verträglichkeit und Neurotizismus. Diese gelten als die Hauptdimensionen der Persönlichkeit und werden in der Psychologie auch die „Big Five" genannt.

Die Ergebnisse lassen einige interessante Schlussfolgerungen zu: Zum einen scheint es tatsächlich möglich zu sein, von einem Avatar korrekte Informationen über die wahre Persönlichkeit seines Nutzers abzuleiten. Jedoch klappt das nicht mit jedem Charakterzug gleich gut. Wie aufgeschlossen oder ängstlich eine Person ist, konnten die Probanden besser anhand der Avatare abschätzen als wie offen für neue Erfahrungen oder wie gewissenhaft jemand ist. Ob ein Avatar einen weitgehend treffenden Eindruck vermittelt, hängt jedoch vor allem von der Persönlichkeit seines Erschaffers ab: Wer offen und kontaktfreudig ist, wählt demnach eher einen Avatar, der seine eigene Persönlichkeit widerspiegelt. Neurotische Menschen neigen hingegen dazu, Figuren zu gestalten, die ihnen nicht ähneln und daher ein irreführendes Bild ihrer Persönlichkeit erzeugen.

Freunde werden

Außerdem fanden die Forscher heraus, dass wir auch in der virtuellen Welt nach Freunden suchen. Insbesondere sehr verträgliche, umgängliche Menschen gestalten Avatare, mit denen andere befreundet sein möchten. Eine solche Wirkung rufen vor allem Figuren mit offenen Augen, die lächeln oder grinsen, hervor. Ein neutraler Gesichtsausdruck oder eine Sonnenbrille vor den Augen machen Freundschaftsabsichten dagegen unwahrscheinlicher. Der Eindruck, den ein Avatar hinterlässt, könnte laut den Wissenschaftlern deshalb sogar soziale Konsequenzen für die reale Welt haben – etwa den Beginn einer Freundschaft initiieren oder einer solchen Entwicklung entgegenstehen.


Allerdings haben Fong und Mar lediglich zweidimensionale Avatare untersucht. Offen bleibt deshalb, inwiefern ihre Ergebnisse auch auf viel komplexere Avatare übertragbar sind, wie sie etwa in der dreidimensionalen Welt von World of Warcraft und vergleichbar detailreichen Spielen vorkommen.

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