Selbstberatung im Körper von Sigmund Freud

Links der virtuelle Raum - rechts die reale Person (Credit: Science Advances, http://dx.​doi.​org/​10.​1038/​srep13899)
Links der virtuelle Raum - rechts die reale Person (Credit: Science Advances, http://dx.​doi.​org/​10.​1038/​srep13899)

Können Sie sich vorstellen, der große Psychoanalytiker Sigmund Freud zu sein? Verfahren der virtuellen Realität können dieses Hineinversetzten auf die Spitze treiben. So können Körper-Illusionen entstehen, die erstaunliche Effekte haben, wie Forscher nun berichten: Im Körper von Sigmund Freud gibt man sich selbst besonders effektive Problemberatung, zeigen kuriose Experimente.

Jeder kennt das: Oft wälzen wir Probleme im inneren Selbstgespräch, um zu Lösungen zu kommen. Das kann durchaus funktionieren, aber leider sind wir uns manchmal selbst kein guter Berater: Festgefahrene Sichtweisen oder wenig Vertrauen in die eigenen Lösungsansätze beeinträchtigen den positiven Effekt des inneren Monologs. Deshalb suchen sich viele Menschen Unterstützung: Sie erhoffen sich von Nahestehenden oder Psychologen Hilfe bei der Bewältigung von persönlichen Problemen, die ihre Lebensfreude bedrücken. In diesem Zusammenhang sind die Forscher um Sofia Adelaide Osimo von der Universität Barcelona nun der Frage nachgegangen, ob bereits das Gefühl selbst jemand anderes zu sein, die Reaktion auf eigene Ratschläge verändern kann.

Virtuelle Realität erzeugt Körperillusion

Um Körperillusionen auszulösen, nutzten die Wissenschaftler Methoden der virtuellen Realität: Die Probanden trugen bei den Experimenten Bewegungssensoren und ein Headset, das sie über ein Display in ein virtuelles Beratungszimmer versetzte. Hier befand sich eine Repräsentationsfigur ihrer selbst - ein Avatar, der genau ihren Bewegungen in der Realität folgte und so aussah wie sie selbst. Ein Spiegel in dem virtuellen Raum verstärkte den Eindruck. Gegenüber stand ein zweiter Avatar mit charakteristischem Äußeren - es handelte sich um Sigmund Freud, wie man den Studienteilnehmern mitteilte. Vorhergehenden Befragungen zufolge kannten ihn alle Probanden und ordneten ihm große Kompetenz auf dem Gebiet der Psychologie zu. Auch in den Freud-Avatar konnten die Studienteilnehmer wahlweise schlüpfen - er folgte dann ebenfalls genau ihren Bewegungen, was eine starke Körperillusion hervorrief: Die Probanden bekamen das Gefühl, Freud zu sein.

In der ersten Phase jeder Sitzung beschrieben die Studienteilnehmer aus der Perspektive ihres eigenen Avatars dem gegenüberstehenden Sigmund Freud ein psychologisches Problem. Anschließend schlüpfte der jeweilige Proband in den Körper Freuds und antwortete sich selbst durch eine Beratung. Danach "hüpfte" er wieder zurück in seinen eigenen Avatar und hörte sich die aufgezeichnete Eigenberatung durch Freud an. Bei Kontrollexperimenten gab es keinen Sigmund Freud im Raum: Die Probanden gaben sich nur selbst die Beratung - ähnlich wie bei einem inneren Selbstgespräch.

Auf Freud hört man eher

Anschließende Befragungen zeigten: Zwar hatte auch die Selbstberatung ohne Freud die Stimmung der Probanden bezüglich ihres Problems verbessert, doch wenn sie sich selbst als Freud empfunden hatten, war dieser Effekt deutlich stärker. Dass diese Wirkung tatsächlich an die Körperillusion geknüpft war, dokumentierten die Forscher durch eine weitere Kontrolle: Wenn sie die Bewegungsübertragung beeinträchtigten - sich also der eigene oder der Freud-Avatar in dem virtuellen Raum nicht synchron mit den realen Bewegungen der Probanden verhielten, verschwand der positive Effekt der Beratung.

Sich stark in Jemanden hineinzuversetzen, dem wir Kompetenz zuordnen, kann somit unser Problemlösungs-Denken erheblich beeinflussen, folgern die Forscher. Ihnen zufolge steckt in den Ergebnissen möglicherweise durchaus Potenzial für die psychologische Beratung. "Könnte virtuelle Realität eines Tages gezielt zum Einsatz kommen?", fragt sich nun Sofia Adelaide Osimo.

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