Religion: Wissenschaft

 Wissenschaft erklärt die Welt und gibt in Krisenzeiten Halt - zumindest einigen Menschen. Bild: Thinkstock
Wissenschaft erklärt die Welt und gibt in Krisenzeiten Halt - zumindest einigen Menschen. Bild: Thinkstock
Wissenschaftsgläubig – das Wort wird meist genutzt, um ein völlig unkritisches Verhältnis zu Forschung und Technik auszudrücken. Es scheint aber auch tatsächlich so etwas wie Wissenschaftsglauben im reinen Wortsinn zu geben: Unter bestimmten Bedingungen kann Wissenschaft als Konzept nämlich eine ähnliche Funktion erfüllen wie eine Religion, sind britische Forscher überzeugt. Das gilt offenbar vor allem bei Stress – und bei Angst um das eigene Leben.
Der Glaube an einen wie auch immer gearteten Gott spendet vielen Menschen Trost. Er hilft, dem Leben zumindest gefühlt einen Sinn zu geben und kann ein Gefühl von Kontrolle wiederherstellen, wenn die eigene Situation unsicher und unbeeinflussbar erscheint. Auf diese Weise kann Religion Ängste bändigen und Stress verringern, erläutern Miguel Farias aus Oxford und seine Kollegen. Allerdings nehme die Anzahl der Menschen, die aktiv eine Religion praktizieren, seit Jahren ab. Das werfe aber wiederum die Frage auf, wie die Nicht-Religiösen eigentlich mit Situationen umgehen, in denen sie stark unter Stress stehen oder sich sogar bedroht fühlen. Wenden sie sich trostsuchend anderen übersinnlichen Konzepten zu? Oder helfen auch andere, rationalere Glaubenskonstrukte weiter?

Ähnlichkeiten zwischen den Konzepten

Wissenschaft kann in gewisser Weise als ein solches Konstrukt betrachtet werden. Denn in vielen Aspekten ähnelt die Einstellung der Wissenschaft gegenüber der bei einer Religion, so die Forscher. So akzeptieren zwar viele Menschen Wissenschaft als eine zuverlässige Quelle von Wissen über die Welt, einige empfinden sie jedoch sogar als einen überlegenen, wenn nicht sogar den einzig gültigen Leitfaden in ihrem Leben. Für diese Menschen besitzt sie einen einzigartigen und zentralen Wert. Zudem gibt es eine ziemlich große Gruppe, die vehement alles glaubt und verteidigt, was die Wissenschaft herausgefunden hat, selbst wenn sie die Zusammenhänge nur in Ansätzen oder auch gar nicht versteht. Ein derartig blindes Vertrauen in die Wissenschaft kann durchaus fanatische Züge tragen – etwa, wenn alles Übernatürliche und nicht wissenschaftlich Erklärbare kategorisch abgelehnt wird. Bleibt allerdings die Frage, ob der Glaube an die Wissenschaft bei Krisen oder Stress zunimmt und wenn ja, ob er den Betroffenen tatsächlich Trost spendet.

Die zweite Frage können die Forscher noch nicht beantworten, die erste haben sie jetzt jedoch in zwei Tests untersucht. Dafür wählten sie gezielt Probanden aus, die sich als nicht religiös bezeichneten, um keine Kreuzeffekte hervorzurufen. Im ersten Test stand der Stress im Mittelpunkt. Darin ließen sie zwei Gruppen von je 50 halbprofessionellen Ruderern einen Fragebogen ausfüllen, in dem die Stärke ihrer Wissenschaftsgläubigkeit evaluiert wurde. Die Probanden sollten angeben, wie sehr sie Aussagen wie "Wissenschaft ist der wertvollste Teil der menschlichen Kultur", "Man kann nur rational glauben, was wissenschaftlich belegbar ist" oder "Alle Probleme, denen sich Menschen gegenüberstehen, können von der Wissenschaft gelöst werden" auf einer Skala von 1 (gar nicht) bis 6 (vollständig) zustimmten. Der Clou: Für die Hälfte der Teilnehmer begann eine halbe Stunde nach den Test eine wichtige Regatta – sie standen also ziemlich unter Stress. Die andere Hälfte führte den Test während des Trainings durch, eine Situation also, in der der Stresslevel eher niedrig war.

Stress und Angst als wichtige Faktoren

Tatsächlich maßen die Forscher einen signifikanten Unterschied: Die gestresste Gruppe erreichte mit 4,04 einen höheren Durchschnittswert auf der Wissenschaftsgläubigkeitsskala als die Trainingsgruppe mit 3,02. Der Effekt sei zwar nicht riesig gewesen, aber statistisch gut abgesichert, versichert das Team. Ein ähnliches Ergebnis lieferte der zweite Test. Hier ging es allerdings nicht um Stress, sondern um eine Bedrohung des eigenen Lebens. Die 60 Probanden sollten darin zu Papier bringen, wie sie sich fühlten, wenn sie über ihren eigenen Tod nachdachten. Die Kontrollgruppe sinnierte gleichzeitig über weniger bedrohliche Zahnschmerzen. Auch hier galt: Die Todesgruppe erreichte mehr Punkte auf der Skala der Wissenschaftsgläubigkeit als die Zahnschmerzgruppe, wobei der Unterschied noch etwas geringer ausfiel als im ersten Test.

Man könne also schließen, dass das Vertrauen auf die Wissenschaft unter Stress und bei Angst zunehme und dass es den Betroffenen möglicherweise helfe, besser mit den Situationen zurechtzukommen – ähnlich wie es auch bei Religionen der Fall ist, so das Fazit der Forscher. Trotz der drastischen Unterschiede zwischen religiösen und wissenschaftlichen Konzepten – das eine basiert auf Intuition und Gefühlen, das andere auf analytischem Denken –können offenbar beide die gleiche Funktion erfüllen. Vermutlich steckt dahinter, allgemeiner betrachtet, die Neigung des Menschen, sich in Krisenzeiten stärker auf die Aspekte ihrer Weltsicht zu konzentrieren, die für sie am wichtigsten sind. Konservative beispielsweise werden konservativer, Religiöse gläubiger – und Wissenschaftsorientierte eben wissenschaftsgläubiger.
Miguel Farias (University of Oxford) et al.: Journal of Experimental Social Psychology, doi: 10.1016/j.jesp.2013.05.008

© wissenschaft.de – Ilka Lehnen-Beyel


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