Namen mit Schall, ohne Rauch

 Passen genau ins Schema: John, Paul und George.
Passen genau ins Schema: John, Paul und George.
Wer "Kevin" oder "Chantal" heißt, hat schlechte Karten – so weit, so bekannt. Als Grund dafür wird meist die Assoziation mit einem ungünstigen sozioökonomischen Hintergrund angegeben. Doch es könnte noch etwas anderes dahinterstecken: Laut einer neuen Studie britischer Forscher sind – zumindest in englischsprachigen Ländern – solche Namen am beliebtesten, die sehr männlich oder sehr weiblich klingen. Für Jungs heißt das: Namen wie "Thomas" oder "George" mit dunklen, langen Vokalen, die einen Eindruck von Größe vermitteln, einem zentralen Attraktivitätsattribut für Männer. Mädchen dagegen heißen "Emily" oder "Evie" – kurze, feine Klänge, assoziiert mit zarten Gestalten. Vielleicht ist "Kevin" also einfach zu "unmännlich" – und "Chantal" zu grob.
Der Gedankengang der Forscher war relativ einfach: Große Männer sind attraktiver und haben folglich auch mehr Nachwuchs, bei Frauen sind es dagegen die kleineren, schlanken, die begehrenswerter und fruchtbarer sind. Die Körpergröße eines Menschen hat wiederum Einfluss auf dessen Vokaltrakt und damit die Stimmlage: Große Menschen haben eine tiefere Stimme, kleinere eine höhere. Und diesen Zusammenhang zwischen Klanghöhe und Körpergröße nehmen Zuhörer durchaus wahr, hat gerade erst wieder eine Studie belegt.

Tatsächlich ist die Verbindung zwischen Klängen und Größe sogar noch allgemeiner: Fast überall auf der Welt werden dunkle, breite Töne mit runden, großen Formen assoziiert, während helle, kurze Laute eher Bilder von spitzen, kleinen Objekten heraufbeschwören. Das kann man schon bei Kindern im Alter von nur vier Monaten beobachten: Sie neigen bereits dazu, beim Hören von Nonsenswörtern mit hellen Vokalen, wie etwa "mil", kleine Gegenstände anzuschauen, wohingegen sie beim Wort "mal" nach etwas größerem Ausschau halten.

Möglicherweise haben auch Eltern unbewusst diese Klang-Größen-Assoziation im Kopf, wenn sie die Namen für ihre Kinder auswählen, lautete nun die Arbeitsthese der Wissenschaftler um Benjamin Pitcher von der Queen Mary University in London. Denn schließlich wollen Eltern ihren Kindern ja nur das Beste mit auf den Weg geben. Die Söhne sollen, überspitzt formuliert, attraktiv, groß, stark und durchsetzungsfähig – schlicht: männlich – sein, die Töchter zart und feminin. Für solche Menschen, das zeigen Erhebungen immer wieder, ist der soziale Erfolg nämlich immer noch einfacher zu erzielen als für andere. Suchen Eltern also tatsächlich gezielt nach Namen, deren Klang je nach Geschlecht einen bestimmten Größeneindruck vermitteln soll?

Um das zu testen, werteten die Wissenschaftler Geburtsregister aus Großbritannien, Australien und den USA aus den vergangenen 10 Jahren aus. Für jedes Jahr bestimmten sie die jeweils 50 beliebtesten Namen für beide Geschlechter. Insgesamt, berichtet das Team, trug etwa ein Drittel aller erfassten Kinder einen dieser beliebten Vornamen. Dann ordneten sie die Namen in die Kategorien "groß" und "klein" ein, abhängig vom Klang der ersten betonten Silbe. In die Schublade "groß" kamen dabei neben den klassichen u-, a- und o-Vokalen auch die den deutschen Umlauten ähnelnden Laute in den englischen Wörtern "bird" oder "brand". Die Kategorie "klein" umfasste neben i und e auch kurze a- und o-Laute, etwa in "Bob" oder dem Wort "must".

Anschließend bildeten die Forscher Verhältnisse, mit denen sie die Häufigkeitsverteilung der beiden Kategorien bei Mädchen- und Jungennamen errechnen konnten. Das Ergebnis bestätigte die Ursprungsthese: Bei Jungen lagen die Namen deutlich vorn, die einen Eindruck von Größe vermittelten, bei den Mädchen waren es dagegen die Namen aus der "Klein"-Kategorie. Natürlich müsse man nun noch prüfen, ob es diesen Zusammenhang auch in anderen Sprachen gebe, räumen die Forscher ein. Sie halten die aktuellen Ergebnisse jedoch bereits für so belastbar, dass sie meinen, das Wirken der Evolution erkennen zu können: Ähnlich wie sich mit der Zeit ein Größenunterschied zwischen den Geschlechtern während der menschlichen Entwicklung herausgebildet habe, sei mittlerweile auch eine Population von Namen entstanden, die diesen Größenunterschied widerspiegeln, berichten sie.

Blickt man auf die beliebtesten Vornamen für Deutschland, könnte sich dieser Trend auch hier bestätigen: Laut der Gesellschaft für Deutsche Sprache lagen bei den Jungen letztes Jahr mit Luka, Lukas, Maximilian, Alexander, Paul, Luis und Jonas immerhin in sieben von zehn Fällen Namen mit dunklen Vokalen vorn – lediglich Leon, Ben und Elias passen auf den ersten Blick nicht so ganz ins Bild. Bei den Mädchen ist der Trend ebenfalls zu beobachten: Sophie (mit der Betonung auf dem –ie), Emma, Marie und Mia klingen eher klein, während Maria und Sophia eher grenzwertig sind. Als Ausreißer kommen noch Hannah, Anna und Johanna dazu.

Trotzdem brauchen sich Ben und Elias nicht unbedingt Sorgen zu machen: Vor ein paar Jahren hat eine US-Forscherin nämlich gezeigt , dass Männernamen mit hellen Vokalen nicht unbedingt ein Nachteil sein müssen, im Gegenteil. Unter bestimmten Voraussetzungen finden Frauen Ben sogar attraktiver als Paul und George – dann nämlich, wenn sie auf der Suche nach einem langfristigen Partner sind und nichts mit testosteronstrotzenden Machos anfangen können.
Benjamin Pitcher (Queen Mary University of London) et al.: PLoS one, doi: 10.1371/journal.pone.0064825

© wissenschaft.de – Ilka Lehnen-Beyel


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