Ein männliches Ohr für Größe

Falls David und Goliat vor ihrem biblischen Kampf etwas zueinander gesagt haben, klang das vermutlich etwas unterschiedlich: Die Stimme eines stattlichen Menschen hört sich anders an als die eines eher schmächtigen - bestimmte Toneigenschaften können uns daher etwas über die Körpermaße von Mitmenschen verraten. Britische Forscher haben nun herausgefunden, dass es dabei einen geschlechtsspezifischen Unterschied gibt: Männer haben demnach ein feineres Ohr für die Merkmale von Größenunterschieden in Stimmen als Frauen.
Die Vielfalt der menschlichen Stimmen beruht auf dem Klang eines bestimmten akustischen Faktors in unseren Lauten: den sogenannten Formanten, die die individuelle Klangfarbe unserer Stimme prägen. Sie entstehen, weil ein Teil der im Kehlkopf erzeugten Tonfrequenzendurch die individuelle Form von Rachen, Nasenhöhlen und Mundraum gedämpft, ein anderer dagegen durch Resonanz verstärkt wird. Da Form und Volumen des Vokaltraktes mit der Körpergröße eines Menschen zusammenhängen, korrelieren auch die Eigenschaften der Formanten mit dieser Eigenschaft, erklären die Wissenschaftler um Benjamin Charlton von der University of Sussex. Wer groß ist hat daher auch meist eine etwas volltönendere Stimme als sehr kleine Menschen.

Das klingt größer

Die Forscher führten ihre Tests mit insgesamt 55 britischen Frauen und Männern durch. Die Probanden hörten bei den Experimenten stets zwei aufeinanderfolgende Töne über Kopfhörer. Diese computergenerierten Laute entsprachen jeweils der Stimmfarbe eines größeren und eines etwas kleineren Menschen. Die Testteilnehmer sollten nun zuordnen, ob Ton eins oder Ton zwei ihrer Ansicht nach von dem jeweils größeren Menschen stammte. Die Auswertungen der Wissenschaftler ergaben dabei, dass Männer im Durchschnitt besser in der Lage sind, auch feine Größenunterschiede herauszuhören als Frauen.

Aus diesen Ergebnissen ergibt sich die Frage, was der biologische Hintergrund dieses geschlechtsspezifisch unterschiedlichen Talents sein könnte. Bislang lässt sich darüber nur spekulieren, sagen die Forscher. Es könnte sich aber um eine Veranlagung handeln, die sich im Laufe der Evolution vor allem bei Männern herausgebildet hat. Das feine Ohr für Größe könnte diesen dabei geholfen haben, Rivalen besser einzuschätzen: Man konnte nicht nur sehen, sondern auch hören, ob ein Gegner kleiner oder größer war als man selbst. Möglicherweise hat diese Fähigkeit auch tiefe biologische Wurzeln: Die Forscher schlagen vor, die Größenwahrnehmung über Laute nun auch bei Tieren zu untersuchen.

Benjamin Charlton und seine Kollegen räumen allerdings auch ein, dass es sich bei der Fähigkeit nicht unbedingt um ein angeborenes Männer-Talent handeln müsse, sondern möglicherweise um eine erworbene Kompetenz. Demnach lernen Männer vielleicht nur in unserer Kultur, bei der verräterischen Klangfarbe besonders gut hinzuhören. Eine kulturübergreifende Wiederholung der Versuche könnte in diesem Zusammenhang Hinweise liefern, sagen die Wissenschaftler.
Benjamin Charlton (University of Sussex) et al.: Biology Letters, doi: 10.1098/rsbl.2013.0270

© wissenschaft.de - Martin Vieweg


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