Dem Erfolg ins Gesicht geschaut

 Berichte wie diese waren die Basis für die Auswertung der Forscher - denn sie enthalten neben Informationen zum Lebensweg auch Porträtfotos der ehemaligen Soldaten. Bild: John Loehr
Berichte wie diese waren die Basis für die Auswertung der Forscher - denn sie enthalten neben Informationen zum Lebensweg auch Porträtfotos der ehemaligen Soldaten. Bild: John Loehr
Das Gesichterlesen kommt in der Wissenschaft immer mehr in Mode – schließlich gibt das Verhältnis von Breite zu Länge eines Männergesichts angeblich Auskunft über eine ganze Reihe von Charakterzügen, körperlichen Merkmalen und Verhaltensweisen. Allerdings stellt sich wie fast immer bei solchen Zusammenhängen die Frage: Hat das eigentlich irgendwelche Konsequenzen für das Leben der Betroffenen? Finnische Forscher sind dem jetzt nachgegangen und haben untersucht, ob Soldaten mit breiteren Gesichtern im zweiten Weltkrieg bessere Aufstiegs- und Überlebenschancen hatten – und ob sie mehr Kinder zeugten.
Wer als Mann ein im Verhältnis zur Länge relativ breites Gesicht hat, neigt – glaubt man den bisher zum Thema veröffentlichten Studien – eher zu Aggressionen und zu Dominanzverhalten, ist sexuell attraktiver, körperlich stärker und kann besser kämpfen. Auch im Sport scheint sich ein breites Gesicht auszuzahlen, wie gerade erst eine Studie an japanischen Baseballspielern ergeben hat. Auf der anderen Seite gelten Männer mit breiten Gesichtern allerdings als eher wenig vertrauenserweckend und relativ stur. Bestimmt scheinen all diese Faktoren inklusive der Gesichtsform vom Testosteronspiegel zu sein, wobei höhere Hormonlevel mit breiteren Gesichtern einhergehen. Warum das so ist, können Wissenschaftler bisher allerdings nicht sagen.

Bei der mittlerweile beachtlichen Anzahl an Studien ist wohl unbestritten, dass es tatsächlich eine Korrelation zwischen Aggressivität und Co und der Gesichtsform gibt. Doch spielt sie im echten Leben überhaupt eine Rolle? In der Geschäftswelt scheint es tatsächlich so zu sein – Männer mit breiteren Gesichtern haben tendenziell mehr Erfolg, vor allem als Manager. Auch im Sport, speziell beim Baseball, geht ein breites Gesicht mit besseren Ergebnissen einher. Und sogar in kriegerischen Auseinandersetzungen haben die breitgesichtigen Männer offenbar die besseren Karten – vorausgesetzt, sie werden Mann gegen Mann und ohne den Einsatz von Technologie ausgetragen.

Und was ist bei größeren Konflikten? Haben Männer mit breiteren Gesichtern beispielsweise bessere Überlebenschancen in großen Kriegen, etwa dem Zweiten Weltkrieg? Um das herauszufinden, werteten John Loehr und Robert O'Hara, beide von der Universität Helsinki, Aufzeichnungen aus dem sogenannten Winterkrieg aus, der der Invasion der Roten Armee in Finnland im November 1939 folgte. Sie konzentrierten sich auf drei Regimenter, zwei Infanterie- und ein Artillerie-Regiment, mit insgesamt 795 Angehörigen und erfassten Fotos, Dienstgrade, Anzahl der Kinder sowie Geburts- und Sterbedaten inklusive der Todesursache der Soldaten. Aus den Fotos errechneten sie, wie in solchen Studien üblich, das Verhältnis von Breite und Länge des Gesichts.

510 der Soldaten hatten im Krieg den Tod gefunden, die restlichen hatten die Kämpfe überlebt. Dabei gab es gleich die erste Enttäuschung für die Wissenschaftler: Sie konnten keinen Zusammenhang zwischen der Überlebenswahrscheinlichkeit im Krieg und der Gesichtsform finden. Dafür stießen sie jedoch auf zwei andere Korrelationen. Erstens: Die Männer mit einer relativ breiten Gesichtsform hatten im Schnitt mehr Nachkommen als die mit einem schmalen Gesicht. Und zweitens: Die höheren Dienstgrade erreichten nicht etwa die als aggressiver und dominanter geltenden breitgesichtigen Soldaten, sondern die mit einem messbar schmaleren Gesicht.

Der erste Befund sei zwar enttäuschend, passe aber zu früheren Studien, nach denen der Vorteil einer größeren Aggressivität in Kampfhandlungen verschwindet, wenn beispielsweise Gewehre und andere Langstreckenwaffen eingesetzt werden, kommentiert das Duo. Auch dass die Männer mit dem laut ihrer Gesichtsform höheren Testosteronspiegel mehr Kinder zeugen, sei nicht wirklich überraschend. Das letzte Ergebnis lasse sich dagegen nicht ganz so leicht erklären, räumen sie ein – schließlich hätte man eigentlich erwarten können, dass männlichere Männer im Militär höher aufsteigen als die weniger aggressiven.

Allerdings spielen, vor allem in Friedenszeiten, auch beim Militär Führungsqualitäten eine sehr große Rolle, genauso wie Vertrauenswürdigkeit. Man müsse ja sicherstellen, dass die Untergebenen ihrem Offizier in Krisensituationen auch tatsächlich ohne Wenn und Aber folgen. Mehr Vertrauen werde aber im Allgemeinen Männern mit schmaleren Gesichtern entgegengebracht, so dass dieser Faktor möglicherweise in diesem Fall der entscheidende gewesen sein könnte, spekulieren sie.
John Loehr, Robert O'Hara (Universität Helsinki): Journal of the Royal Society: Biology Letters, doi: 10.1098/rsbl.2013.0049

© wissenschaft.de – Ilka Lehnen-Beyel


Reload-Capcha neu laden Text der identifiziert werden soll

Bitte geben Sie zusätzlich noch den Sicherheitscode ein!

Rubriken

 


Harte Nuss
Rätsel: Berühmte Entdecker gesucht

 

Der Buchtipp

Was kommt dabei heraus, wenn sich Alice nicht ins Wunderland verirrt, sondern in eine Vorlesung über Quantenphysik? Eine Reise als intellektueller und ästhetischer Genuss.

Zu allen Buchtipps


Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der Konradin Mediengruppe