ADHS mit Langzeitfolgen

 ADHS verschwindet nicht automatisch nach der Pubertät (Bild: Thinkstock)
ADHS verschwindet nicht automatisch nach der Pubertät (Bild: Thinkstock)
Rund sieben Prozent aller Kinder leiden an der Aufmerksamkeitsstörung ADHS: Sie haben Probleme, sich zu konzentrieren, sind hyperaktiv und verhaltensauffällig. Vor allem in schweren Fällen erhalten die Kinder zusätzlich zur Verhaltenstherapie häufig das Medikament Methylphenidat - besser bekannt als Ritalin -, das in den Hirnstoffwechsel eingreift und einige Symptome lindert. Doch die bislang umfangreichste Langzeitstudie an ADHS-Kindern zeigt nun: Als Erwachsene sind trotz Behandlung nur gut ein Drittel von ihnen frei von psychischen Störungen.
"Wir haben die falsche Vorstellung, dass ADHS nur eine lästige Kinderkrankheit ist, die eher überbehandelt wird", sagt Studienleiter William Barbaresi vom Boston Children's Hospital. Tatsächlich wird schon seit einiger Zeit heftig diskutiert, ob heute nicht zu viele Kinder zu schnell das Etikett "hyperaktiv" erhalten und medikamentös ruhiggestellt werden - nicht unbedingt, weil dies für die Betroffenen das Mittel der letzten Wahl ist, sondern auch, um Lehrern und Eltern das Leben zu erleichtern. Hinzu kommt, dass es sich bei dem meist eingesetzten Methylphenidat um einen Amphetamin-Verwandten handelt, einem Mittel, das in den Stoffwechsel des Hirnbotenstoffs Dopamin eingreift und über dessen Langzeitfolgen bisher nur wenig bekannt ist.

Erste große Langzeitstudie mit ADHS-Kindern

Wie sich die behandelten Kinder im Laufe ihres weiteren Lebens entwickeln, und ob sich die Aufmerksamkeitsstörung "auswächst", wurde bisher nur in wenigen kleinen Studien und an schweren Fällen untersucht, wie Barbaresi und seine Kollegen berichten. Sie haben jetzt die erste große Langzeitstudie ausgewertet, die einen repräsentativen Ausschnitt von Kindern mit ganz unterschiedlichen Schweregraden und Ausprägungen von ADHS bis ins Erwachsenenalter verfolgte.

An der Studie nahmen 5.718 Kinder teil, die zwischen 1976 und 1982 in Rochester im US-Bundesstaat Minnesota geboren wurden. Bei 367 von ihnen wurde im Laufe ihrer Kindheit ADHS diagnostiziert. Drei Viertel dieser Kinder erhielten eine Behandlung mit Methylphenidat und teilweise auch Verhaltenstherapie. Im Erwachsenenalter untersuchten die Forscher alle Kinder erneut auf ihren psychischen Zustand und werteten deren Krankenakten aus.

Psychische Störungen trotz Behandlung

Das Ergebnis: "Nur 37,5 Prozent der Kinder, die wir als Erwachsene wieder kontaktierten, waren frei von ADHS und anderen psychischen Störungen", berichtet Barbaresi. Das sei eine ziemlich ernüchternde Bilanz und zeige, dass die langfristige Therapie von Kindern mit ADHS noch stark verbessert werden müsse. 57 Prozent der ADHS-Kinder litten auch als Erwachsene noch unter mindestens einer psychischen Störung, darunter Angsterkrankungen, Depression, antisoziale Persönlichkeitsstörungen und manische Phasen. 29 Prozent von ihnen hatten noch immer ADHS, ein Großteil dieser Patienten hatte zusätzlich noch mindestens eine weitere psychische Auffälligkeit. Bei der Kontrollgruppe der Probanden, die als Kinder nicht unter ADHS gelitten hatten, waren weitaus weniger von psychischen Erkrankungen betroffen, wie die Forscher berichten.

Ihre Befunde seien vermutlich eher noch zu optimistisch, da an der Studie vorwiegend Kinder teilgenommen hatten, die aus der Mittelschicht stammten und eine gute Bildung und eine gute Gesundheitsversorgung hatten. "Man könnte sagen, dass dies daher eher einem best-case Szenario entspricht", so Barbaresi. In sozioökonomisch weniger gut situierten Gesellschaftsschichten könnte das Ergebnis noch deutlich schlechter ausfallen.

Nach Ansicht der Wissenschaftler zeigt die Studie, dass die bisherigen Behandlungsansätze nur wenig greifen - und dass die Therapie länger als nur bis zur Pubertät fortgesetzt werden muss. "Wir müssen ADHS künftig als chronische Krankheit sehen, ähnlich wie Diabetes", sagt Barbaresi. Eltern empfehlen die Forscher daher, ihre Kinder auch nach Einsetzen der Pubertät regelmäßig auf psychische Störungen und Auffälligkeiten hin untersuchen zu lassen und falls nötig dafür zu sorgen, dass diese auch bis ins Erwachsenenalter hinein adäquat behandelt werden.
William Barbaresi (Boston Children's Hospital) et al., Pediatrics, Online vorab, Ausgabe April 2013

© wissenschaft.de - Nadja Podbregar


Reload-Capcha neu laden Text der identifiziert werden soll

Bitte geben Sie zusätzlich noch den Sicherheitscode ein!

Rubriken

 


Harte Nuss
Rätsel: Berühmte Entdecker gesucht

 

Der Buchtipp

Was kommt dabei heraus, wenn sich Alice nicht ins Wunderland verirrt, sondern in eine Vorlesung über Quantenphysik? Eine Reise als intellektueller und ästhetischer Genuss.

Zu allen Buchtipps


Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der Konradin Mediengruppe