Affen in der Midlife Crisis?

 Credit:Thinkstock
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Fröhlich und ausgelassen in der Jugend, zufrieden im Alter ? und dazwischen eine Phase geringer Lebensqualität: Diese Beschreibung trifft nicht nur auf viele menschliche Lebensläufe zu, sondern offenbar auch auf die von Menschenaffen. Das legen jetzt zumindest die Auswertungen eines internationalen Forscherteams nahe. Es hatte das Verhalten von 336 Schimpansen und 172 Orang-Utans mit Hilfe von Befragungen von Pflegern und weiteren Affen-Experten erfasst.
Lebenslust und ein gespannter Blick in die Zukunft ? die Jugend empfinden viele Menschen als einen besonders schönen Lebensabschnitt. Doch häufig gerät die Lebensqualität ab einem gewissen Alter in den Sinkflug: Durchschnittlich mit etwa 40 Jahren erreicht die Freude am Leben ihren Tiefpunkt. Um diese Tristesse aufzubrechen, beginnen viele Menschen nun, irgendwie komisch zu werden: Die einen lassen sich einen Ohrring stechen und brausen mit einem Motorrad davon, andere suchen den Sinn des Lebens in einem indischen Aschram. Ganz klar: Sie stecken in der sogenannten Midlife Crisis.

Aus statistischen Studien geht in diesem Zusammenhang zum Glück eine erfreuliche Botschaft hervor: Meist geht es nach der Midlife Crisis wieder bergauf. Die Lebensqualität des Menschen folgt demnach durchschnittlich einer U-Form ? sie ist am Anfang des Lebens hoch, erreicht in der Lebensmitte einen Tiefpunkt, steigt dann aber mit zunehmendem Alter wieder an. Welche Ursachen hinter diesem Phänomen stecken, ist umstritten. Den Untersuchungen der Forscher um Alexander Weiss von der University of Edinburgh zufolge könnte dieses Prinzip aber entwicklungsgeschichtlich sehr alte Wurzeln haben: Unsere nächsten Verwandten, die Menschenaffen, scheinen die Berg- und Talfahrt der Lebensfreude offenbar ebenfalls durchzumachen.

Fröhlich oder mies drauf ? auch Affen haben Launen

Die 336 Schimpansen und 172 Orang-Utans in der Studie umschlossen alle Altersstufen vom Kleinkindalter bis zu 51 Jahren. Die Tiere lebten in Zoos in verschiedenen Ländern der Erde. Das Niveau der Lebensfreude jedes einzelnen Tieres wurde durch einen speziellen Fragebogen erfasst. Denn jeder Mensch, der eng mit Menschenaffen zu tun hat, weiß: Die hochintelligenten Tiere können ähnlich wie der Mensch gut gelaunt sein, Freude empfinden oder aber schlecht drauf und kaum zu Späßen aufgelegt sein. Diese Parameter wurden von Menschen dokumentiert, die das Verhalten der jeweiligen Tiere sehr gut interpretieren konnten.

Die Auswertungen der Forscher zeigten: In der Mitte des Affenlebens, rund um das Alter von 30 Jahren, spiegelt sich im Verhalten der Tiere die geringste Lebensfreude wider. Junge und ältere Affen hatten dagegen häufiger gute Laune und zeigten mehr Freude an vielen Aspekten des täglichen Lebens. ?Affen haben auch eine Art Midlife Crisis, obwohl sie keine gescheiterte Ehe oder die Langeweile am Arbeitsplatz bedrückt?, resümiert Co-Autor Andrew Oswald von der University of Warwick daher.

Den Forschern zufolge deutet diese Übereinstimmung mit dem Lebenszyklus des Menschen darauf hin, dass die Ursachen für dieses Phänomen nicht nur ein Produkt der menschlichen Kultur sind. Teilaspekte scheinen demnach vielmehr auch grundlegender Natur zu sein. Welche genau es sind, bleibt offen. Es wäre aber beispielsweise möglich, dass sich das Gehirn mit zunehmendem Alter verändert und wieder mehr Lebensfreude ermöglicht, spekulieren die Forscher. Oder aber, dass sowohl ältere Menschen als auch Menschenaffen die Klugheit besitzen, sich Situationen oder Partner zu suchen, die ihnen höhere Lebensqualität verschaffen.
Alexander Weiss (University of Edinburgh) et al.: PNAS, doi: 10.1073/pnas.1212592109

© wissenschaft.de - Martin Vieweg


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