Einfühlsamer Kunstgenuss

 Van Gogh Selbstportrait (1887)
Van Gogh Selbstportrait (1887)
Motiv, Farbkombination und Maltechnik - neben diesen offensichtlichen Eigenschaften eines Bildes ist es oft das ?gewisse Etwas?, das uns berührt und anspricht. Hinter diesem diffusen Qualitätskriterium könnte eine sogenannte ?empathische Resonanz? des Betrachters mit dem Künstler stecken, legen nun Experimente der Forscher um Helmut Leder von der Universität Wien nahe.
Bereits seit dem späten 19. Jahrhundert glaubten einige Kunstexperten, dass sich der Reiz eines Bildes nicht nur aus der Summe von attraktiven visuellen Eindrücken ergibt, sondern auch aus dem Einfühlungsvermögen des Betrachters in das Kunstwerk. Dabei wurde vermutet, dass diese Empathie auch etwas mit der Maltechnik des Künstlers zu tun hat. Der Betrachter könnte demnach eine körperliche Resonanz mit den Bewegungen des Malers empfinden, die ihm das Bild attraktiv erscheinen lässt. Dieser Vermutung sind Helmut Leder und seine Kollegen nun experimentell nachgegangen.

Die Forscher führten dazu Tests mit 114 Teilnehmern durch. Die Probanden sollten insgesamt zehn Bilder auf einer Skala von eins bis sieben nach persönlichem Gefallen bewerten. Es handelte sich um fünf Gemälde, die durch klassische Strichtechniken entstanden waren, wie es beispielsweise für die Werke von van Gogh typisch ist. Die anderen Bilder waren in der punktförmigen Technik des sogenannten Pointillismus-Stils gemalt, für den etwa der Künstler Georges Seurat bekannt ist. Alle Bilder stammten aus dem 19. Jahrhundert, ähnelten sich in Motiven und Farben, nur die Maltechnik war also unterschiedlich.

Kunstempfinden bei Strich- oder Punkt-Bewegungen

Die Studienteilnehmer sahen die Kunstwerke in zufälliger Reihenfolge an einem Bildschirm und gaben dabei jeweils ihre Wertungen ab. Ein Teil der Probanden wurde aufgefordert, während der Betrachtung der Bilderfolgen Strichbewegungen mit einem Stift zu machen, die zweite Gruppe sollte dagegen punktierende Bewegungen ausführen. Den Sinn dieses Konzepts verrieten die Forscher den Studienteilnehmern nicht.

Die Auswertungen zeigten, dass diejenigen, die während der Beurteilung der Bilder Strichbewegungen gemacht hatten, die Strich-Technik-Gemälde als deutlich attraktiver einstuften als die Werke im Pointillismus-Stil. Diese Gemälde bevorzugten dagegen wiederum die Probanden, die Punkt-Bewegungen mit der Hand gemacht hatten. Anschließende Befragungen bestätigten, dass den Testteilnehmern der Zusammenhang zwischen ihren Handbewegungen und den beiden Stilrichtungen nicht bewusst geworden war.

Das körperliche Verhalten hatte die Probanden offenbar unbewusst mit dem Bild beziehungsweise mit den Bewegungen des Malers in Einklang gebracht. Aus dieser empathischen Resonanz ergab sich die Vorliebe für die Bilder im Stil der eigenen Bewegung, sind die Forscher überzeugt. In gewisser Weise stelle dieses Phänomen einen Kontakt zwischen Künstler und Betrachter her. Im Fall der zehn Testgemälde ?überbrückte der Effekt über 100 Jahre?, sagen Helmut Leder und seine Kollegen.
Helmut Leder (Universität Wien) et al.: Psychological Science, doi:10.1177/0956797612452866

© wissenschaft.de - Martin Vieweg


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