Handwerker im Federkleid

 Figaro will die Nuss. Foto: Alice Auersperg
Figaro will die Nuss. Foto: Alice Auersperg
?Wie komm ich nur an diese Nuss?? ? Exakt dieser Gedanke scheint Kakadu ?Figaro? beim Anblick des Leckerbissens durch die Gitterstäbe seines Käfigs durch den Kopf zu gehen. Seine Lösung ist erstaunlich: Er baut sich gezielt Werkzeuge, um das Objekt seiner Begierde in Reichweite zu bringen, berichtet ein Biologenteam. Der Vogel reißt dazu Splitter aus einem Holzbalken oder bricht sich Stöckchen zurecht, mit denen er die Nuss in den Käfig schubst. Damit treten die Kakadus nun dem exklusiven Club der tierischen Werkzeugbauer bei, sagen die Forscher um Alice Auersperg von der Universität Wien.
Figaro ist ein sogenannter Goffini-Kakadu ( Cacatua goffiniana). Diese Art stammt aus Indonesien und ist für ihre Neugier und Schlauheit bereits bekannt. Deshalb eignen sich diese Papageienvögel besonders gut, um Spitzenleistungen in Sachen Vogelintelligenz auszuloten, sagen die Forscher. Sie betonen jedoch, dass Werkzeuggebrauch vermutlich nicht zum natürlichen Standardrepertoire der Goffini Kakadus in freier Wildbahn gehört. Figaro ist außerdem das einzige Exemplar, bei dem die Biologen dieses Verhalten bisher dokumentieren konnten. Vermutlich handelt es sich also um eine kognitive Leistung, die der individuellen Grundintelligenz dieser Tiere entspringt und nicht einer artspezifischen Spezialisierung.

Figaro avanciert zum routinierten Werkzeugmacher

Der Werkzeuggebrauch allein war bereits überraschend, sagt das Team. Dass Figaro die Hilfsmittel sogar selber herstellte, belegt jedoch noch eine höhere Stufe der Verstandesleistung. "Wir konnten filmen, wie der Kakadu seinen kräftigen Schnabel geschickt einsetzte, um längliche Splitter aus einem Holzbalken zu beißen oder aus einem verzweigten Ast durch gezieltes Abbrechen Stöckchen zu bauen, um damit die Nuss zu holen", berichtet Alice Auersperg. Das Erfolgserlebnis hatte sich offenbar tief verankert: Bei allen späteren Versuchen wusste der schlaue Vogel ohne zu zögern, was zu tun war. "Figaro baute sich immer wieder neue Werkzeuge und war jedes Mal erfolgreich", berichtet die Kognitionsforscherin.

Lange Zeit war die Fähigkeit zum Werkzeugbau nur von unseren nächsten Verwandten, den Menschenaffen, bekannt. Der erste Nachweis dieser Verhaltensweise bei Vögeln stammt von neukaledonischen Krähen. Einer der Autoren der aktuellen Studie, Alex Kacelnik von der Universität Oxford, war an diesen Untersuchungen beteiligt. Die Forscher konnten damals dokumentieren, wie die Krähe ?Betty? einen Haken aus einem Stück Draht bog, um Futter aus einem Rohr zu angeln. Allerdings zeigen neukaledonische Krähen ähnliches Verhalten auch in der Wildnis. Sie nutzen dort Pflanzenteile zum Angeln von Maden aus Baumlöchern. Dennoch gilt Bettys Verhalten als ein bemerkenswertes Beispiel individueller Kreativität und Innovationsfähigkeit. "Es ist nach wie vor schwierig, kognitive Handlungen zu identifizieren. Figaro und seine Vorgängerin Betty helfen, Unklarheiten in der Evolution von Intelligenz zu entschlüsseln?, resümiert Kacelnik.
Alice Auersperg (Universität Wien) et al.: Current Biology, doi: 10.1016/j.cub.2012.09.002


© wissenschaft.de - Martin Vieweg

Current Biology, 6. November 2012.
DOI: 10.1016/j.cub.2012.09.002


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