Wie die Vergangenheit im Hirn die Gegenwart prägt

 Bild: Dierk Schäfer/ flickr.com
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Ob man gerade an etwas Vertrautes gedacht hat oder nicht, stellt die Weichen dafür, wie man die nächste Situation erlebt. Das haben amerikanische Forscher jetzt gezeigt. Demnach ist es sehr wichtig, was man vorher getan hat, wenn man fremde Menschen, Gegenstände oder auch Gebäude betrachtet - denn das verändert die Wahrnehmung.
Wenn man zum ersten Mal ein Café betritt, gibt es zwei Möglichkeiten, wie man diese neue Umgebung wahrnimmt. Entweder man ist sich bewusst, dass man noch nie dort gewesen ist und speichert erst einmal sämtliche Informationen über das neue Umfeld ab. Oder aber man verbindet die Eindrücke mit einem anderen Café, in dem man kürzlich erst gewesen ist und assoziiert dementsprechend Emotionen damit. Beide Vorgänge - also ?neue Erinnerungen abspeichern? und ?alte Erinnerungen aufrufen? - finden im Hippocampus statt. Sie basieren allerdings auf unterschiedlichen Modellen. Sieht man also ein neues Gebäude an einer Straße, dann laufen im Gehirn andere Vorgänge ab, als wenn man das Gebäude sieht, in dem man seit zehn Jahren arbeitet. Welches Modell in einer bestimmten Situation greift, hängt laut den Forschern davon ab, was man gemacht hat, bevor man das oben erwähnte Café betreten hat.

In ihrer Studie zeigten Katherine Duncan von der Columbia University und ihr Team Probanden Objekte, die diese als neu, alt oder ähnlich einem anderen einstufen sollten. Die Objekte waren Bilder von Menschen, Äpfeln, Tischen oder auch Häusern. In einem weiterführenden Test untersuchten die Forscher dann , wie die Probanden auf diese Objekte reagieren, wenn sie sich sehr schnell entscheiden mussten. Sie konnten die Bilder in diesem Fall lediglich für eine bis zwei Sekunden sehen, denn diese Zeit nimmt sich das Gedächtnis für gewöhnlich, um die Entscheidung zu treffen: vertraut oder fremd? Die Forscher wollten so herausfinden, wie die Wahrnehmung im Kopf abläuft, wenn nicht genügend Zeit für ein bewusstes Abwägen und Bewerten zur Verfügung steht.

Dabei zeigte sich: Die Testpersonen tendierten eher dazu, einen Gegenstand als bekannt zu identifizieren, wenn ihnen der vorherige bekannt gewesen war . Im Gegenzug stuften sie auch Objekte eher als unbekannt ein, wenn der vorherige unbekannt gewesen war. Das zeige laut den Forschern, dass das Einprägen neuer Informationen sowie die Abfrage alter Erinnerungen die Wahrnehmung verändere, was dann wiederum einen Einfluss auf spätere Entscheidungen und auch auf die weitere Gedächtnisbildung haben könne.

?Warum erweckt ein Gebäude manchmal nostalgische Gefühle, und manchmal läuft man einfach daran vorbei, ohne es zu bemerken? Unsere Ergebnisse zeigen, dass es davon abhängen kann, ob wir gerade etwas aus unserem Gedächtnis abgerufen haben, das nicht einmal etwas mit dem Gebäude zu tun gehabt haben muss, oder ob gerade neue Eindrücke und Erinnerungen abgespeichert werden?, resümiert Duncan.
Katherine Duncan (Columbia University) et al.: Science; doi: 10.1126/science.1221936

© wissenschaft.de - Gesa Seidel


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