Schläge treffen auch das Erbgut

Gewalterfahrungen in der Kindheit nagen an den Telomeren, den Schutzkappen der Träger des Erbgutes. Diesen Zusammenhang konnten Forscher nun bei fünf- bis zehnjährigen Kindern nachweisen, die Misshandlungen erleiden mussten. Verkürzte Telomere gelten als ein Zeichen der Alterung und sind mit einem erhöhten Risiko für Erkrankungen und einer verkürzten Lebenserwartung verbunden.
Die Erbinformationen des Menschen sind im Kern einer jeden Körperzelle in einzelnen Einheiten, den Chromosomen, zusammengefasst. Die Enden dieser Strukturen bezeichnet man als Telomere. Sie enthalten zwar keine Bauanweisungen für Proteine oder Steuermoleküle, bestehen aber aus denselben Bausteinen wie die Gene selbst, den Nukleotiden. Beim Kopieren der DNA während der Zellteilung kommt es an den Enden neuer DNA-Stränge immer zu einem Verlust einiger Nukleotide. Ohne die Pufferfunktion der Telomere gehen somit bei jeder Zellteilung genetische Informationen verloren. Genau darin besteht nach derzeitiger Lehrmeinung der Grund für die Zellalterung: Sind die Telomere nach einer bestimmten Anzahl von Zellteilungen aufgebraucht, werden die Erbinformationen angegriffen und es kommt zur Bildung von schadhaften Zellen.

Telomere ? Spiegel der Lebensumstände

Frühere Studien hatten bereits gezeigt, dass beispielsweise Rauchen, falsche Ernährung und chronischer Stress die Verkürzung der Telomere beschleunigen können. Es gab auch Hinweise darauf, dass eine Kindheit in sozialer Kälte sich in verkürzten Telomeren widerspiegelt. Diesen Zusammenhang konnten Idan Shalev von der Duke-Universität in Durham und seine Kollegen nun bestätigen. Die Forscher nutzten dabei Informationen aus einer Langzeituntersuchung britischer Kinder, die in den Jahren 1994 und 1995 geboren worden waren: Im Alter von jeweils fünf und zehn Jahren hatten 236 Kinder DNA-Proben abgegeben, die die Forscher nun analysieren und vergleichen konnten. Befragungen der Erziehungsberechtigten hatten zudem ergeben, welche Kinder Gewalterlebnisse erfahren hatten.

Die Auswertungen ergaben, dass etwa 42 Prozent der Kinder Opfer von Misshandlungen, Mobbing oder häuslicher Gewalt gewesen waren. Genau dies spiegelte sich den Forschern zufolge auch im Erbgut der kleinen Probanden wider: Ihre Telomere hatten sich in den fünf Jahren zwischen den beiden DNA-Proben im Durchschnitt deutlich stärker verkürzt als bei Altersgenossen, die keine Misshandlungen erlebt hatten. Auch ein bedrückender Dosiseffekt sei zu verzeichnen gewesen, berichten die Forscher: Je mehr Gewalterfahrungen ein Kind durchlebt hatte, desto stärker hatten sich seine Telomere verkürzt.

Die molekularen Hintergründe des Zusammenhangs sind noch nicht abschließend geklärt, betonen Idan Shalev und seine Kollegen. Vermutlich nagen aber übermäßige Immunreaktionen oder freie Radikale an den Telomeren. Von diesen Faktoren sei bereits bekannt, dass sie im Zusammenhang mit Stresssituation auftreten und dann ihre schädliche Wirkung entfalten.
Idan Shalev (Duke-Universität in Durham) et al.: Molecular Psychiatry, doi: 10.1038/mp.2012.32

© wissenschaft.de ? Martin Vieweg


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