Der Ansteckungskraft des Gähnens auf der Spur

 Credit: Konstantin Gastmann / pixelio.de
Credit: Konstantin Gastmann / pixelio.de
Ein Forscher-Duo hat das Phänomen des ansteckenden Gähnens entschlüsselt: Die Ansteckungskraft ist demnach allein vom Grad der Vertrautheit mit dem Gegenüber abhängig. Den beiden Wissenschaftlern zufolge sei dieses Ergebnis ein weiterer Beleg für den Erklärungsansatz, dass der Mensch das Gähnen anderer widerspiegelt, weil er sich unbewusst in sie hineinversetzt.
Ivan Norscia von der Universität Pisa und Elisabetta Palagi vom Institute of Cognitive Sciences and Technologies in Rom wollten durch ihre Studie herausfinden, welche Faktoren des Gähnens seine Ansteckungskraft beeinflussen. Die Forscher betätigten sich dazu ein Jahr lang als Gähn-Detektive: Sie beobachteten insgesamt 109 Männer und Frauen in Europa, Nordamerika, Asien und Afrika bei alltäglichen Situationen, wie beispielsweise bei der Arbeit oder in Gaststätten. Die Probanden und ihre Beziehungen untereinander waren den Forschern bekannt. Ihre Aufzeichnungen über das Gähnverhalten machten Norscia und Palagi bei den Beobachtungssituationen heimlich auf dem Handy. Sie dokumentierten dabei eine Menge ?W-Faktoren?: Wer gähnte wann, wie und wo und wer ließ sich davon wie anstecken. Ihre gesammelten Daten werten sie dann am Computer aus, um die ausschlaggebenden Faktoren rund um das Phänomen zu identifizieren.

Die Auswertungen ergaben: Eine gähnende Person steckt am ehesten Menschen im Umfeld an, die mit ihr verwandt sind. Darauf folgen Freunde, dann Bekannte und die geringste Ansteckungskraft hat das Gähnen gegenüber Fremden. Alle anderen Faktoren, wie Geschlecht, Nationalität, Umfeld oder Uhrzeit spielen dagegen keine Rolle. Fremde lassen sich zwar auch zum Gähnen animieren, das kommt aber vergleichsweise seltener, verzögerter und mit weniger Gähn-Wiederholungen vor, zeigten die Auswertungen von Norscia und Palagi.

Die Ergebnisse belegen den Forschern zufolge die Theorie, dass die ansteckende Eigenschaft des Gähnens etwas mit der menschlichen Eigenschaft zu tun hat, sich in andere hineinversetzen zu können. Der Grad dieser sogenannten Empathie ist dabei bekannterweise an die Vertrautheit zwischen Personen gekoppelt: Je näher uns eine Person steht, desto mehr fühlen wir mit ihr und spiegeln auch ihr Verhalten wider. Dieser Zusammenhang wird also ebenfalls in der Abstufung der Ansteckungskraft des Gähnens deutlich, sagen die Forscher.

Die Ergebnisse und Interpretationen von Norscia und Palagi stehen im Einklang mit früheren Studien: Es war beispielsweise bereits bekannt, dass autistische Kinder sich nicht so leicht vom Gähnen eines anderen Menschen anstecken lassen wie Menschen ohne diese Störung. Die Forscher dieser Studie interpretierten dies ebenfalls als ein Zeichen dafür, dass Einfühlungsvermögen und Mitgefühl Voraussetzungen für das Phänomen des ansteckenden Gähnens sind, denn genau diese Fähigkeiten sind bei den meisten Autisten nur schwach ausgeprägt.
Ivan Norscia von der Universität Pisa und Elisabetta Palagi vom Institute of Cognitive Sciences and Technologies in Rom: PLoS ONE, doi:10.1371/journal.pone.0028472

© wissenschaft.de ? Martin Vieweg


Reload-Capcha neu laden Text der identifiziert werden soll

Bitte geben Sie zusätzlich noch den Sicherheitscode ein!

Rubriken

 


Harte Nuss
Rätsel: Berühmte Entdecker gesucht

 

Der Buchtipp

Eine kurzweilige Führung durch den Bienenstock mit einer erhellenden Dosis Wissenschaft – das bietet das Buch "Die Honigfabrik" von Jürgen Tautz.

Zu allen Buchtipps


Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der Konradin Mediengruppe