Innere Werte mit Äußerlichkeiten

Neues vom "Kuschelhormon" Oxytocin: Man kann offenbar schon nach wenigen Sekunden Beobachtung erkennen, welche Variante eines sogenannten Empathie-Gens jemand in seinem Erbgut trägt. Bei diesem Gen handelt es sich um einen Erbgutabschnitt, der den Bauplan für den Rezeptor von Oxytocin enthält, ein Protein also, an das der Signalstoff andocken kann und das dessen Wirkung überhaupt erst vermittelt. Davon existieren zwei Varianten namens A und G. Wer von beiden Elternteilen die G-Version mitbekommen hat, scheint insgesamt ein empathischerer Typ zu sein ? und das äußert sich offenbar auch darin, wie er sich in einem Gespräch verhält: GG-Träger nicken häufiger zustimmend, lächeln eher und halten länger Blickkontakt, hat jetzt ein amerikanisch-kanadisches Forscherteam gezeigt.
Das Hormon Oxytocin, gebildet im Hypothalamus des Gehirns, ist eigentlich vor allem für seine Rolle während der Geburt und bei der Mutter-Kind-Bindung bekannt. Gerade in den letzten Jahren erlangte es jedoch auch auf einem anderen Gebiet eine gewisse Berühmtheit: Es scheint die Fähigkeit eines Menschen zu beeinflussen, mit anderen mitzufühlen und so emotionale Bindungen einzugehen. Erhöht man beispielsweise den Oxytocin-Spiegel künstlich, neigen die Probanden zu mehr Vertrauensseligkeit, mehr Großzügigkeit und einer größeren Opferbereitschaft.

Wie stark jemand dabei auf Oxytocin reagiert, scheint unter anderem von seiner genetischen Ausstattung abzuhängen, insbesondere der Beschaffenheit seines Oxytocinrezeptor-Gens, auch OXTR-Gen genannt. Schon in früheren Studien hatten Wissenschaftler Hinweise auf einen Zusammenhang zwischen der jeweils vorherrschenden Variante dieses Gens und der Neigung zu Empathie und anderen prosozialen Verhaltensweisen gefunden. Von allen möglichen Kombinationen ? GG, AG und AA ? scheint sich dabei vor allem die GG-Variante als förderlich für soziales Verhalten zu behaupten. AA-Träger haben dagegen häufiger Schwierigkeiten, elterliche Gefühle zu entwickeln und ein größeres Risiko für autistische Züge.

In der aktuellen Studie wollte das Team um Aleksandr Kogan von der Universität in Toronto nun herausfinden, ob ein Fremder die Chance hat, GG-Träger nur durch eine flüchtige Beobachtung zu identifizieren ? schließlich eignen sie sich am besten als Kooperationspartner, wenn man auf Hilfe angewiesen ist. Dazu ließen die Psychologen 23 Paare antreten, von denen jeweils ein Partner aus einer schweren Zeit seines Lebens erzählte, während der andere zuhörte. Die Zuhörer wurden dabei auf Video aufgenommen. Die eigentlichen Probanden waren 116 Freiwillige, die sich jeweils 20 Sekunden dieser Videos ohne Ton ansahen und dann bewerteten, wie vertrauenswürdig, mitfühlend und freundlich der Zuhörer auf sie wirkte.

Tatsächlich bekamen die GG-Träger durchschnittlich eine etwas höhere Bewertung auf der Prosozialitätsskala als diejenigen, in deren Erbgut sich mindestens eine A-Variante befand, zeigte die Auswertung. Zudem befanden sich unter den zehn Beobachteten mit den niedrigsten Empathie-Werten neun mit einem A im Erbgut. Umgekehrt waren von den zehn am höchsten Bewerteten immerhin sechs GG-Träger ? obwohl diese insgesamt nur 43 Prozent der Testpersonen ausmachten. Verraten hatten sie sich offenbar durch die Häufigkeit der nonverbalen Ausdrücke von Mitgefühl und Verständnis: Bei ihnen kamen Lächeln, eine offene Armhaltung, zustimmendes Nicken und Blickkontakt deutlich häufiger vor als bei A-Trägern. Der Unterschied zwischen den beiden Gruppen war übrigens bei den männlichen Probanden stärker ausgeprägt als bei den weiblichen.

Natürlich sei es unsinnig, anzunehmen, eine derart komplexe Eigenschaft wie Empathie werde ausschließlich von einem einzigen Gen bestimmt, räumen die Forscher ein. Dennoch sei es beeindruckend, wie stark sich der Einfluss dieses einen Gens im Verhalten zeige. Offenbar werde das individuelle genetische Potenzial für Empathie den anderen Angehörigen der Gemeinschaft durch klar erkennbare nonverbale Signale kundgetan. Das erleichtere das Miteinander, weil sich so sehr schnell erkennen lasse, wer einen guten Verbündeten abgebe und bei wem man Unterstützung erwarten könne, erläutert das Team. Allerdings blieben noch eine ganze Reihe Fragen offen ? nicht zuletzt die nach der eigentlich Funktionsweise der beiden verschiedenen OXTR-Gene.
Aleksandr Kogan (University of Toronto) et al.: PNAS, Online-Vorabveröffentlichung, doi: 10.1073/pnas.1112658108

© wissenschaft.de ? Ilka Lehnen-Beyel


Reload-Capcha neu laden Text der identifiziert werden soll

Bitte geben Sie zusätzlich noch den Sicherheitscode ein!

Rubriken

 


Harte Nuss
Rätsel: Berühmte Entdecker gesucht

 

Der Buchtipp

Eine kurzweilige Führung durch den Bienenstock mit einer erhellenden Dosis Wissenschaft – das bietet das Buch "Die Honigfabrik" von Jürgen Tautz.

Zu allen Buchtipps


Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der Konradin Mediengruppe