Warum Gesundes nicht immer die Gesundheit fördert

Vitaminpillen haben unerwartete Nebenwirkungen ? und zwar psychologischer Natur: Wer glaubt, seine Gesundheit mit Hilfe von Nahrungsergänzungsmitteln zu stärken, neigt paradoxerweise dazu, sich verstärkt ungesunden Gewohnheiten hinzugeben. Die Vitaminpillen erzeugen nämlich ein subjektives, wenn auch illusorisches Gefühl der Unverwundbarkeit, haben Forscher aus Taiwan gezeigt. Zurück geht das Phänomen offenbar auf etwas, das Psychologen "Licensing Effect" nennen: Immer, wenn man etwas Positives geleistet hat ? sei es in Bezug auf die eigene Gesundheit oder seine Mitmenschen ?, entsteht das Empfinden, eine Art Guthaben angespart zu haben, das man anschließend ungestraft für weniger positive Verhaltensweise ausgeben kann. So ist beispielsweise bekannt, dass exzessiver Sport Menschen dazu verleitet, anschließend eine sehr viel reichhaltigere Mahlzeit zu verzehren, als sie sonst gewählt hätten. Dass aber auch schon so etwas Einfaches wie eine Vitaminpille derartige Konsequenzen haben kann, sollte zu denken geben, mahnen die Forscher.
Zwei Szenarien hatten die Psychologen für ihre Studie entworfen. Im ersten gaben sie 82 Freiwilligen, angeblich zu Testzwecken, eine Tablette, die keinerlei Wirkstoff enthielt. Das erfuhr jedoch nur die Hälfte der Teilnehmer, dem Rest erzählten die Forscher, es handele sich um ein Multivitaminpräparat. Anschließend sollten die Probanden einen Fragebogen ausfüllen, indem sie verschiedene Tätigkeiten nach ihrer Attraktivität zu beurteilen hatten. Teilweise handelte es sich dabei sportliche, gesundheitsfördernde Aktivitäten wie Yoga oder Schwimmen, teilweise ging es um Dinge, die eher Risiken für die Gesundheit darstellen, wie etwa Sex mit wechselnden Partnern, Sonnenbaden oder Trinkgelage. Es folgte ein weiterer Fragebogen, in dem die Teilnehmer angeben sollten, wie gut verschiedene Aussagen auf sie zutrafen. Dazu gehörten Sätze wie "Mir kann nichts etwas anhaben" oder "ich bin eine gebrechliche Person". Zum Abschluss bekamen die Probanden jeweils einen Gutschein für ein Essen in der Cafeteria, wo sie zwischen gesunden Nahrungsmitteln aus biologischem Anbau und einem reichhaltigen Büffet wählen konnten.

Die Auswertung ergab: Die Teilnehmer, die geglaubt hatten, ein Vitaminpräparat zu schlucken, hatten weniger Bedürfnis nach Sport als die Mitglieder der Placebogruppe. Zudem fanden sie die Vorstellung, etwas Angenehmes, aber Ungesundes zu tun, sehr viel attraktiver. Das ging einher mit einer messbar höheren Punktzahl in dem Fragebogen, in dem die Probanden nach ihrem persönlichen Gefühl der Unverwundbarkeit gefragt worden waren ? und mit einer sehr viel höheren Büffet-Quote: Während in der Placebogruppe gerade einmal 44 Prozent das ungesündere Essen der Bio-Mahlzeit vorzogen, waren es in der Vitamingruppe 71 Prozent.

Der Zusammenhang bestätigte sich auch im zweiten Versuchsszenario, berichten die Forscher. Auch hier gab es wieder die beiden Gruppen, getestet wurde anschließend jedoch, ob die Vitamingruppe tatsächlich weniger Bereitschaft für körperliche Bewegung zeigte. Dazu ließen die Forscher ihre Probanden angeblich neuartige Schrittzähler testen. Eine Stunde hatten die Teilnehmer für diesen Test Zeit, danach sollten sie die Geräte an einem von zwei Punkten auf dem Universitätscampus abgeben. Einer davon befand sich in einer Entfernung von 600 Metern, der andere war 1.200 Meter entfernt. Das Ergebnis: Obwohl alle Probanden ein Informationsblatt über die gesundheitsfördernde Wirkung von Fußmärschen gelesen hatten, wählten 68 Prozent der Teilnehmer aus der Vitamingruppe den weniger weit entfernten Rückgabepunkt; in der Placebogruppe waren es nur 41 Prozent. Zudem hatten sie weitaus weniger zusätzliche Meter für den Test des Gerätes zurückgelegt.

Das Fazit der Forscher fällt dementsprechend eindeutig aus: Der Glaube, eine Vitaminpille eingenommen zu haben, reicht aus, um das subjektiv-emotionale Gesundheits-Guthaben aufzufüllen. Das wiederum rechtfertigt offenbar Verhaltensweisen, von denen man weiß, dass sie einem nicht gut tun und möglicherweise sogar beachtliche Gesundheitsrisiken bergen. Die Verbindung zwischen beiden ist ein Gefühl der Unverwundbarkeit, wie die Fragebögen deutlich demonstriert hätten. Möglicherweise erkläre diese Variante des Licensing Effects zumindest zum Teil, warum in den vergangenen Jahren zwar die Nutzung von Nahrungsergänzungsmitteln rapide zugenommen hat, der allgemeine Gesundheitsstatus jedoch keineswegs in gleichem Maß besser wurde, spekulieren die Psychologen.
Wen-Bin Chiou (National Sun Yat-Sen University, Kaohsiung) et al.: Psychological Science, Online-Vorabveröffentlichung, doi: 10.1177/0956797611416253

wissenschaft.de ? Ilka Lehnen-Beyel


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