Das Gesicht des Bösen

Männern steht Skrupellosigkeit ins Gesicht geschrieben, behaupten zwei US-Forscher: Je breiter ein Männergesicht im Verhältnis zur Höhe sei, desto größer sei auch die Wahrscheinlichkeit, dass der Träger zu unmoralischem Verhalten wie Lug und Betrug neige. Statistisch lässt sich der Zusammenhang durchaus nachweisen, konnten die Wissenschaftler belegen. Sie haben auch eine Erklärung, wie die doch eher skurril anmutende Korrelation entstanden sein könnte: Ein im Verhältnis zur Höhe breites Gesicht gehe mit Dominanz und einem ausgeprägten Gefühl der Macht einher ? und wer sich mächtig fühlt, glaubt, nicht unbedingt an gesellschaftliche Regeln und Normen gebunden zu sein. Das Ergebnis seien unmoralische Tendenzen. Das gilt übrigens nur für Männer, bei Frauen ist weder das Machtgefühl noch die Gesichtsform in irgendeiner Art und Weise mit dem Hang zum Betrug verbunden.
Zwei Studien führten Michael Haselhuhn und Elaine Wong, beide von der University of Wisconsin in Milwaukee, durch. In der ersten ließen sie jeweils zwei von insgesamt 192 Freiwilligen ? Männer und Frauen ? über ein virtuelles Anwesen verhandeln. Einer spielte den Verkäufer, der die Anweisung hatte, das Geschäft nur abzuschließen, wenn der Käufer ihm garantierte, das angebliche Haus nicht abzureißen. Der andere mimte den Käufer, dem die Forscher zuvor eingeimpft hatten, dass der eigentliche Zweck des Kaufs die Errichtung eines Hotelkomplexes auf dem Grundstück sei. Verhandelt wurde per E-Mail, und die Wissenschaftler werteten hinterher aus, wer von den Käufern den Verkäufer in Bezug auf die geforderte Garantie belog.

Insgesamt lag die Rate der Betrüger lediglich bei 18,8 Prozent, berichten die Wissenschaftler etwas enttäuscht. Allerdings logen mehr Männer ? und unter denen vor allem die, bei denen das Gesicht im Verhältnis zur Höhe relativ breit war, ergab eine aufwendige Auswertung. Wenig überraschend, dass dieses Ergebnis ? das genau dem entsprach, was die Forscher erwartet hatten ? auch in der zweiten Studie bestätigt wurde. Hier füllten die Probanden, 103 an der Zahl, zuerst einen Fragebogen aus, in dem verschiedene Persönlichkeitsmerkmale abgefragt wurden, darunter auch, als wie mächtig sich die Teilnehmer selbst einschätzten. Anschließend bekamen sie, angeblich als Belohnung, die Chance, Lotterielose zu erhalten, mit denen sie 50 Dollar gewinnen konnten. Über die Anzahl der Lose entschied der Zufall: Die Probanden sollten auf einer Internetseite zwei virtuelle Würfel einmal rollen lassen, dann die Augenzahlen zusammenzählen und sie in ein Formular eintragen ? sie bekamen dann so viele Lose, wie sie Augen gewürfelt hatten.

Dieses Mal verzichteten die Forscher auf eine individuelle Auswertung und schauten sich lediglich an, ob die eingetragene Summe statistisch mit der Gesichtsform korrelierte. Das tat sie tatsächlich: Je breiter das Gesicht, desto größer war die Wahrscheinlichkeit, dass die männlichen Probanden eine verdächtig hohe Augenzahl angaben. Außerdem korrelierte das persönlich empfundene Machtgefühl sowohl mit der Augenzahl als auch mit der Gesichtsform. Die Frauen mogelten zwar auch, das hatte aber nichts mit ihrer Gesichtsform und auch nichts mit ihrem Machtgefühl zu tun.

Aus beiden Untersuchungen lasse sich nur ein Schluss ziehen, betonen die Wissenschaftler: Ein breites Gesicht ist ein klares Indiz dafür, dass sein Besitzer zum Mogeln und zum Betrügen neigt. Damit sei zum allerersten Mal eine Verbindung zwischen unethischem Verhalten und einem genetisch festgelegten körperlichen Merkmal nachgewiesen worden, jubeln Haselhuhn und Wong. Vermittelt werde diese Verbindung ganz offensichtlich durch das persönliche Machtgefühl. Das mache auch aus Sicht der Evolution Sinn: Wäre das breite Gesicht lediglich ein Indikator für einen Hang zum Lügen, dürfte es seinen Trägern in der Vergangenheit ausschließlich Nachteile gebracht haben und müsste mittlerweile völlig verschwunden sein. Ist es jedoch gleichzeitig ein Anzeichen für positiv gewertete Qualitäten, könnte das den negativen Effekt aufgehoben haben. Genau das sei hier der Fall: Macht beziehungsweise das Gefühl von Macht bringe auch Optimismus, zielgerichtetes Verhalten und Führungsqualitäten mit sich.

Es sei natürlich auch möglich, dass es gar keinen direkten Zusammenhang zwischen einem unveränderlichen Merkmal wie der Gesichtsform und der Moral eines Menschen gebe, räumen die Forscher ein. Zumindest theoretisch sei ja auch denkbar, dass Männer mit einem entsprechenden Gesicht von ihrer Umgebung auf eine bestimmte Weise wahrgenommen werden und die Mitmenschen ihr Verhalten entsprechend verändern. Damit wäre dann das soziale Umfeld von Männern mit breiten Gesichtern anders als das ihrer schmalgesichtigen Geschlechtsgenossen, und das wiederum könnte zur Ausprägung bestimmter Persönlichkeitsmerkmale führen. Die Forscher selbst glauben jedoch offensichtlich nicht so recht an diese alternative Erklärung: Sie überschreiben ihren Artikel nämlich plakativ mit "Bad to the Bone", also "schlecht bis auf die Knochen" ? und das ist in diesem Fall nicht nur im übertragenen Sinn gemeint.
Michael Haselhuhn, Elaine Wong (University of Wisconsin-Milwaukee): Proceedings of the Royal Society B, Online-Vorabveröffentlichung, doi: 10.1098/rspb.2011.1193

wissenschaft.de ? Ilka Lehnen-Beyel


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