Warum Normen für manche Länder so wichtig sind

Einen Riss, der die gesamte Welt durchzieht ? so nennt Michele Gelfand, Sozialpsychologin an der University of Maryland, die zum Teil beträchtlichen kulturellen Unterschiede zwischen Ländern mit strengen gesellschaftlichen Normen und solchen, in denen kaum Wert auf Normen gelegt wird. Treffen Angehörige dieser beiden Gesellschaftsformen aufeinander, entsteht ein enormes Konfliktpotenzial ? einfach, weil sich die beiden Beteiligten nur schlecht in den jeweils anderen hineinversetzen können. Gelfand hat sich zum Ziel gesetzt, dieses Verständnis zu verbessern, und entwarf dazu zusammen mit einem großen Team von Kollegen aus unterschiedlichen Ländern eine ehrgeizige Studie: Sie untersuchte mit Hilfe von knapp 7.000 Freiwilligen aus 33 Nationen, wie es überhaupt dazu kommt, dass Normen und Regeln derart unterschiedliche Stellenwerte in einer Gesellschaft einnehmen können. Tatsächlich wurden die Wissenschaftler fündig: Der gemeinsame Nenner scheinen demnach Bedrohungen ? von innen oder von außen ? zu sein.
Einen riesigen Haufen an Daten mussten die Wissenschaftler auswerten, um erst einmal zu prüfen, ob eine Nation eher als lose normgebunden oder als eng normgebunden eingestuft werden sollte. Die Begriffe "loose" und "tight", die die Forscher verwenden, stammen aus den späten 1960er Jahren und wurden von dem finnischen Anthropologen Pertti Pelto bei der Untersuchung von 21 traditionellen Gesellschaften geprägt. Um zu testen, ob die Unterscheidung auch noch für die Beschreibung moderner Gesellschaften taugt, ließen die Wissenschaftler erst einmal ihre Probanden ? pro Land etwa 200 willkürlich ausgesuchte Freiwillige mit unterschiedlicher sozialer Herkunft und unterschiedlichen Berufen ? einen Fragebogen ausfüllen. Darin sollten sie beispielsweise angeben, ob Verhaltensweisen wie Küssen, Essen oder Weinen in unterschiedlichen Alltagssituationen wie einem Besuch im Kino oder einem Spaziergang im Park angebracht wären beziehungsweise toleriert würden.

Dann sammelten sie Informationen über die Form der Regierung, das geltende Strafrecht, die Religiosität, die Pressefreiheit, den Gebrauch unterschiedlicher Kommunikationsmedien und anderes im jeweiligen Land. Schließlich werteten sie noch historische Berichte aus über das Vorkommen von Kriegen, ökologischen Krisen, Krankheiten und Naturkatastrophen sowie die Bevölkerungsdichte heute und im Jahr 1500 und die Verfügbarkeit verschiedener Ressourcen aus.

Mit Hilfe dieser Daten konnten sie eine Art Skala erstellen, in der typische Merkmale von Nationen mit sehr strikten gesellschaftlichen Regeln und einer geringen Toleranz gegenüber Abweichungen sowie von Ländern mit lediglich losen Verhaltensregeln und einer hohen Toleranz für anderes Verhalten erfasst waren. Zu den eng normgebundenen Ländern gehören demnach beispielsweise Pakistan, Malaysia, Indien, Japan und Südkorea, aber auch Norwegen und die Türkei. Am wenigsten bindend sind gesellschaftliche Normen dagegen in der Ukraine, in Estland, Ungarn, den Niederlanden und Brasilien. Die ehemalige DDR liegt mit Platz 23 im oberen Drittel, der ehemalige Westen Deutschlands belegt einen Platz im Mittelfeld.

Klare Unterschiede hätten sich sowohl in der Struktur des Staates und der gesellschaftlichen Institutionen gezeigt als auch im Verhalten der Menschen und sogar in ihrer psychologischen Beschaffenheit, sagt Gelfand. In normgebundenen Nationen sind beispielsweise autokratische Regierungssyteme häufiger, es gibt eine strengere Kontrolle oder gar Zensur der Presse, insgesamt existieren mehr Gesetze und die Bürger haben weniger Zugang zu neuen Kommunikationsmedien. Auch die politischen Rechte und persönlichen Freiheiten sind stärker eingeschränkt, während die Religiosität eher mehr ausgeprägt ist als in weniger normgebundenen Ländern.

Der Umgang mit alltäglichen Situationen unterschied sich ebenfalls deutlich. In eng normgebundenen Nationen gab es beispielsweise eine weniger große Bandbreite an Verhaltensweisen, die in spezifischen Situationen als angemessen empfunden wurden. Die Menschen selbst seien in solchen Ländern zudem allgemein sensibler für Regeln, hätten eine bessere Selbstbeherrschung und seien vor allem auf das Vermeiden von Konflikten fokussiert. Solche Eigenschaften helfen laut den Wissenschaftlern, mit den Beschränkungen in der jeweiligen Kultur zurechtzukommen und verstärken diese in einem Rückkopplungsmechanismus gleichzeitig. "Der hohe Grad an gesellschaftlicher Regulierung spiegelt sich im hohen Grad der persönlichen Kontrolle wider", formuliert es Gelfand.

Der für sie selbst spannendste Teil der Studie sei die Suche nach den Ursachen für diese Eigenheiten gewesen, sagt sie. Der Vergleich mit den historischen Daten habe gezeigt: Es sind vor allem Bedrohungen der Gesellschaft, die später zur Bildung normgebundener Systeme führen. Das können Kriege sein, aber auch häufig auftretende Krankheiten, Naturkatastrophen, ein Mangel an Ressourcen verschiedenster Art, eine sehr große Heterogenität oder aber eine sehr gleichförmige Gesellschaft und, vor allem, eine hohe Bevölkerungsdichte. In allen Fällen, so die Psychologin, sei es extrem wichtig, die Menschen dazu zu bringen, koordiniert zu handeln ? und genau das ermöglichen strikte Regeln und deren strenge Kontrolle.

Natürlich werde eine Gesellschaftsform auch noch von anderen Faktoren geprägt, aber die Bedrohung von innen oder außen spiele offenbar eine Schlüsselrolle, sagt Gelfand. Als nächstes wollen sie und ihre Kollegen ihre Daten mit Hilfe von Laborstudien verifizieren ? es habe sich nämlich nicht um repräsentative Stichproben von Einwohnern des jeweiligen Landes gehandelt, so dass weitere Untersuchungen nötig seien. Und sie wollen die Länder auf einer detaillierteren Ebene untersuchen, um zu sehen, ob sich feinere Muster herausarbeiten lassen. Insgesamt, so hoffen sie, könnte das Wissen, warum eine Gesellschaft geworden ist, wie sie ist, mehr Toleranz gegenüber fremdartig erscheinenden Verhaltensweisen mit sich bringen ? eine Eigenschaft, die in der globalisierten Welt immer häufiger nötig sei.
Michele Gelfand (University of Maryland, College Park) et al.: Science, Bd. 332, S. 1100

wissenschaft.de ? Ilka Lehnen-Beyel


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