Warum Hühnersuppe gut für die Seele ist

Comfort Food ? Trostessen ? nennt man im Englischen Nahrungsmittel, die nicht nur den körperlichen Hunger stillen, sondern auch der Seele guttun. Zwei US-Psychologen haben sich nun die Frage gestellt, wie der Trost eigentlich ins Trostessen hinein kommt. Ihr Ergebnis: Das Essen lindert Einsamkeit, weil uns die jeweilige Speise an wichtige Menschen in unserem Leben erinnert und an das Gefühl, bei ihnen geborgen zu sein. Essen kann demnach, obwohl eigentlich ein relativ neutrales Objekt, zu einer Art Ersatz-Bezugsperson werden, zu der man eine echte emotionale Beziehung aufbaut. Zu entstehen scheint diese Verknüpfung ab dem ersten Probieren des entsprechenden Nahrungsmittels: Meist seien dann entscheiden Bezugspersonen anwesend, die ein Gefühl der Sicherheit und Geborgenheit vermitteln, erläutern die Forscher. Das Gehirn beginnt dann, die Erfahrung des Essens mit der wohltuenden Emotion zu verbinden, eine Verknüpfung, die bei jedem weiteren Genuss der Speise verstärkt wird ? bis sie sich so verselbstständigt, dass schon der Gedanke an den Geschmack das Konzept der Geborgenheit aktiviert.
Für manche ist es Schokolade, andere brauchen Würstchen mit Kartoffelsalat und wieder andere reagieren auf frisches Brot: Comfort Food kommt in den unterschiedlichsten Formen daher. Ein besonders typischer Vertreter sei Hühnersuppe mit Nudeln, schreiben die beiden Psychologen Jordan Troisi und Shira Gabriel von der State University of New York. Genau dafür entschieden sie sich daher auch, als sie den ersten Teil ihrer Studie entwarfen: Sie befragten im Vorfeld hunderte von Studenten, ob sie Hühnersuppe als Comfort Food einstufen würden. Diejenigen, die auf einer Skala von eins bis fünf eine vier oder eine fünf ? "sehr zutreffend" ? vergaben, kamen in die Testgruppe. Die Kontrollgruppe wurde dagegen von denen gestellt, die eine eins ? "überhaupt nicht zutreffend" ? vergeben hatten.

Anschließend setzten die Wissenschaftler der Hälfte ihrer Testgruppe und der Hälfte der Kontrollgruppe einen Teller Hühnersuppe vor, während die jeweils andere Hälfte leer ausging. Im letzten Teil des Tests sollten dann alle Probanden Wortfragmente ergänzen, bei denen mehrere Lösungen möglich waren. Einige dieser Lösungen beschrieben soziale Kontakte und Beziehungen, andere hatten keine derartige Bedeutung. Ergebnis: Die Teilnehmer der Testgruppe neigten nach dem Suppenverzehr eher dazu, beziehungsrelevante Wörter zu bilden als ihre Gruppenkollegen, die keine Suppe bekommen hatten. In der Kontrollgruppe gab es diesen Unterschied nicht. Comfort Food aktiviert folglich definitiv das Konzept sozialer Beziehungen im Gehirn ? mit anderen Worten: Es erinnert uns an das Zusammensein mit wichtigen Menschen und die damit verbundenen Gefühle, schließen die Wissenschaftler.

Entscheidend scheint dabei zum einen der Drang danach zu sein, irgendwo dazuzugehören, und zum anderen das Bedürfnis, Einsamkeit zu vermeiden, zeigte ein zweiter Testdurchgang. Darin sank ein künstlich erzeugtes Gefühl von sozialer Isolation und Einsamkeit, wenn Probanden die Möglichkeit gegeben wurde, an ihr Lieblings-Comfort-Food zu denken. Das galt allerdings nur für diejenigen, für die zwischenmenschliche Beziehungen grundsätzlich etwas Positives waren ? wer mit seinen Mitmenschen Probleme hatte, ließ sich auch vom Comfort Food nicht trösten.

Die Verbindung bestimmter Nahrungsmittel mit dem Gefühl von Trost ist laut den Psychologen ein typisches Beispiel für das sogenannte Embodiment, bei dem körperliche Empfindungen fest mit einem eher abstrakten psychologischen Konzept verknüpft sind. So geht etwa subjektiv empfundene soziale Kälte häufig mit einem echten Gefühl der Kälte einher, während umgekehrt eine Tasse mit einem warmen Getränk in den Händen wärmere, herzlichere Gefühle anderen gegenüber hervorrufen kann. Das gleiche treffe hier zu: Der Geschmack einer bestimmten Speise und das Gefühl der Sättigung beschwöre das Gefühl der Sicherheit und Geborgenheit herauf, das durch die Einbindung in eine enge Beziehung entsteht. Das Trostessen bezieht seine besondere emotionale Macht also aus den kognitiven Verbindungen zu realen existierenden Beziehungen.

Dass etwas so neutrales wie ein Nahrungsmittel dabei als sozialer Ersatz dient, sei eher ungewöhnlich, schreiben die Wissenschaftler. Meist werde die Assoziation eher mit Gegenständen hergestellt, die in irgendeiner Weise direkt mit der Bezugsperson verknüpft sind, wie etwa Fotos von ihr. Es seien jedoch auch schon Übertragungen auf Scheinwelten wie Fernsehserien oder sogar auf Prominente beobachtet worden.
Jordan Troisi und Shira Gabriel (State University of New York): Psychological Science, Online-Vorabveröffentlichung, doi: 10.1177/0956797611407931

wissenschaft.de ? Ilka Lehnen-Beyel


Reload-Capcha neu laden Text der identifiziert werden soll

Bitte geben Sie zusätzlich noch den Sicherheitscode ein!

Rubriken

 


Harte Nuss
Rätsel: Berühmte Entdecker gesucht

 

Der Buchtipp

Was kommt dabei heraus, wenn sich Alice nicht ins Wunderland verirrt, sondern in eine Vorlesung über Quantenphysik? Eine Reise als intellektueller und ästhetischer Genuss.

Zu allen Buchtipps


Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der Konradin Mediengruppe