Warum man jemandem die Tür aufhält

Wer jemandem höflich die Tür aufhält, erweist damit nicht nur seinen Respekt: Er versucht unbewusst auch, Energie und Arbeitsaufwand möglichst gering zu halten. Das glauben zumindest zwei US-Psychologen, die sich in einer Studie mit der tieferen Bedeutung des Türe-Aufhaltens beschäftigt haben. Ihr Resümee: Die höfliche Geste wird vor allem dann ausgeführt, wenn sich durch die zusätzliche Anstrengung des einen der Gesamtaufwand deutlich verringert ? dann also, wenn die Energie, die nötig ist, die Türe festzuhalten, geringer ist als die, die nötig wäre, wenn der Folgende die Tür selbst aufmachen müsste. Demnach ist Etikette also eine Form der sozialen Kooperation zur Vermeidung körperlicher Anstrengung, schließen die Wissenschaftler ? auch wenn das wohl kaum jemandem bewusst ist.
Die beiden Psychologen Joseph Santamaria und David Rosenbaum platzierten sich für ihre Versuche so, dass sie den Eingangsbereich des Studentenzentrums an ihrer Heimat-Uni, der Penn State University, im Blick hatten. Mit einer Videokamera zeichneten sie dann insgesamt 148 Studenten beim Betreten des Zentrums auf und registrierten, wie viele von ihnen folgenden Kommilitonen die Tür aufhielten, wie weit diese jeweils hinter ihnen waren und auch, ob die Folgenden als Reaktion auf die höfliche Geste ihren Schritt beschleunigten oder nicht. Die Ergebnisse der Auswertung: Je näher ein folgender Student war, desto größer war die Wahrscheinlichkeit, dass der vor ihm gehende die Tür aufhielt. Noch größer wurde die Chance auf ein höfliches Türaufhalten, wenn nicht einer, sondern zwei Studenten folgten. Zudem begannen viele der Folgenden, schneller zu gehen, wenn sie sahen, dass ihnen die Tür gehalten wurde.

Diese Beobachtungen zeigen nach Ansicht der Forscher klar, dass das Türaufhalten tatsächlich beim Energiesparen hilft. Ihre Begründung: Ist der Folgende weit weg, müsste der Halter so viel Aufwand in das lange Festhalten der Türe investieren, dass die Bilanz nicht besser wäre, als wenn der nächste die Tür selber öffnet. Folglich entscheiden sich die meisten gegen die höfliche Geste. Ist der zweite dagegen dicht dahinter, ist der Halteaufwand geringer als die Mühe, die es kosten würde, wenn der andere die Tür selbst aufmacht. Hier ist die Chance dementsprechend größer, dass sich der Vorausgehende für das Aufhalten entscheidet. Und wenn gar zwei Personen folgen, lohnt sich die Höflichkeit noch mehr ? schließlich ist das dreimalige Öffnen der Tür definitiv energieaufwendiger als einmal Öffnen und Festhalten. Auch das schnellere Gehen des Folgenden bei einer aufgehaltenen Tür passt ins Bild, schreiben die Forscher: Es solle ebenfalls dafür sorgen, dass der Aufwand reduziert wird, da der Aufhaltende die Tür dann weniger lange festhalten muss.

Höfliche Gesten wie das Türaufhalten oder auch das Anreichen von Dingen spiegeln demnach komplexe ? wenn auch unbewusst ausgeführte ? Rechenprozesse im Gehirn wider, sind die Psychologen sicher. Mit Hilfe dieser Routinen werde der Aufwand bei einer Kooperation mit dem verglichen, der nötig ist, wenn die Personen unabhängig voneinander handeln. Ist die Summe der Einzelaktionen größer als der Energiebedarf beim Zusammenarbeiten, fällt die Entscheidung zugunsten der Kooperation ? und damit der Höflichkeit. Wenn nicht, muss man die Tür eben doch selbst aufmachen.
Joseph Santamaria, David Rosenbaum (Pennsylvania State University, University Park): Psychological Science, Online-Vorabveröffentlichung, doi: 10.1177/0956797611406444

wissenschaft.de ? Ilka Lehnen-Beyel


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