Forscher stellen die Welt auf den Kopf

Nicht nur Gesichter, auch Tiere kann man nicht so gut erkennen, wenn sie auf dem Kopf stehen. Dieser Effekt spiegelt sich auch in der Aktivität verschiedener Hirnregionen wider, die mit dem Sehen zu tun haben. Zu diesem Ergebnis kommt ein kanadisch-indisches Forscherteam um Lars Strother von der University of Western Ontario im kanadischen London in einer aktuellen Studie. Die Fähigkeit, Gesichter und Tiere vor allem in aufrechter Haltung gut zu erkennen, könnte biologisch sinnvoll sein, schreiben die Forscher. Denn offenbar ist unser visuelles System vor allem darauf ausgelegt, vertraute Objekte in einer vertrauten Position schnell zu identifizieren.
Bisherige Studien hatten bereits ergeben, dass auf dem Kopf stehende Gesichter deutlich schlechter erkannt werden, als wenn sie richtig herum zu sehen sind. Die wahrscheinlichste Ursache für diesen Effekt: Gesichter werden vom Gehirn anders wahrgenommen als die meisten anderen Objekte ? sie werden nur als Ganzes identifiziert und verarbeitet. Stattzufinden scheint diese Verarbeitung im sogenannten fusiformen Gesichtsareal im Schläfenlappen.

In ihrer aktuellen Studie untersuchten Strother und sein Team, wie schnell und gut Versuchspersonen Gesichter und Tiere erkennen, wenn diese auf ein Gewirr von Linien projiziert werden. An der Untersuchung nahmen sechs Männer und sechs Frauen im Alter von 21 bis 40 Jahren teil. In jedem Durchgang bewegten sich die gezeichneten Umrisse der Tiere oder Gesichter zunächst drei Sekunden lang auf dem Bildschirm, anschließend blieben sie entweder richtig herum oder auf dem Kopf stehen. Die Probanden hatten die Aufgabe, immer dann einen Knopf zu drücken, wenn sie die Figur nicht mehr erkennen konnten. Parallel wurde ihre Gehirnaktivität im Magnetresonanztomographen (MRT) aufgezeichnet.

Aufrechte Gesichter behielten die Teilnehmer deutlich länger im Auge als Gesichter, die auf dem Kopf standen. Der gleiche Effekt zeigte sich auch für die Zeichnungen von Tieren. Gleichzeitig waren auch verschiedene Areale des visuellen Systems länger aktiv, wenn die Zeichnungen aufrecht zu sehen waren. Dazu gehörten der sogenannte seitliche Hinterhauptslappen (laterales okzipitales Areal) und zwei Gebiete, die spezifisch auf Gesichter reagieren: das fusiforme und das okzipitale Gesichtsareal. Darüber hinaus stellten Strother und seine Kollegen fest, dass auch Regionen des Sehsystems, in denen die visuellen Reize als erstes verarbeitet werden, bei aufrechten Figuren länger aktiv sind. Das bedeutet ihrer Meinung nach, dass die frühe Verarbeitung der Sehreize von übergeordneten visuellen Arealen beeinflusst wird.

Nicht nur Gesichter, sondern auch Tiere seien in der Umwelt normalerweise aufrecht zu sehen, schreiben Strother und sein Team. Daher sei es biologisch sinnvoll, wenn sie in dieser Ausrichtung schnell und leicht erkannt werden könnten. In zukünftigen Studien wollen die Forscher nun untersuchen, wie die Präferenz für aufrechte Figuren durch Wissen und Erfahrung beeinflusst wird.
Lars Strother (University of Western Ontario, London) et al.: PLoS ONE, Bd. 6, Artikel e18705

wissenschaft.de ? Christine Amrhein


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