Einflussreiches Menschenbild

Beurteilen Personen ihre Mitmenschen als negativ, schalten sie auf Egoismus um. Diesen Zusammenhang konnten deutsche Forscher jetzt durch das Verhalten von Probanden in experimentellen Spielen belegen. Hat sich eine negative Meinung über die Mitmenschen einmal gebildet, sei sie auch schwer wieder zu verändern, so ein weiteres Ergebnis der Studie. Die Erwartungshaltung über das Verhalten der Mitmenschen bestimme somit maßgeblich, ob Menschen miteinander kooperieren, schlussfolgern die Wissenschaftler um Michael Kurschilgen vom Max-Planck-Institut zur Erforschung von Gemeinschaftsgütern in Bonn.
Grundlage ihre Studien war die sogenannte "broken-windows"-Theorie der US-amerikanischen Sozialforscher James Q. Wilson und George L. Kelling: Nach ihr können selbst kleine Details wie kaputte Scheiben in verlassenen Gebäuden oder Müll auf den Straßen desolate Zustände wie die komplette Verwahrlosung eines Quartiers nach sich ziehen. "Solche Anzeichen der Verwahrlosung vermitteln Menschen den Eindruck, dass dort die sozialen Normen außer Kraft sind", erklärt Kurschilgen die Idee dieser Theorie. "Wir wollten nun herausfinden, ob die "broken windows"-Theorie auch im Labor funktioniert."

Dazu ließen sie rund sechzig Probanden in London und Bonn in Vierergruppen ein so genanntes Gemeinwohlspiel spielen, bei dem die Teilnehmer in eine soziale Zwickmühle gebracht werden. Ihr eigenes soziales oder egoistisches Verhalten kann Gewinn oder Verlust bringen, je nachdem wie sich die anderen Mitspieler verhalten. Für die Gemeinschaft ist es in diesem Spiel am besten, wenn alle in das Kollektiv investierten, doch auf individueller Ebene fahren die Egoisten am besten, denn sie bekommen diesen Bonus ohne selbst zu investieren.

Überraschenderweise zeigte sich schnell ein Unterschied zwischen Londoner und Bonner Spielern: Nur 43 Prozent der Londoner Teilnehmer investierten in das Gemeinschaftsprojekt, während es in Bonn ganze 82 Prozent waren. "Das liegt wahrscheinlich an unterschiedlichen Erwartungen darüber, was normales Verhalten ist", vermutet Kurschilgen. Wer davon ausgehe, dass auch die anderen sich egoistisch verhalten, neige selbst kaum zu altruistischen Taten. Demzufolge hätten die Londoner eine schlechtere Meinung über ihre Mitmenschen als die Bonner, vermutet der Forscher.

In einer weiteren Versuchsreihe versorgten die Forscher daher ihre Londoner Spieler mit positiven und die Bonner Probanden negativen Informationen über die jeweiligen Mitspieler: Auf einmal handelten die vormals sozialen Bonner egoistischer: Nur noch 51 Prozent der Spieler investierten ins Gemeinwohl. Bei den Londoner Spielern zeigte sich dagegen nur ein schwach positiver Trend durch dei Positivinformationen zu ihren Mitspielern. Die Wissenschaftler folgern aus diesen Ergebnissen, dass sich zum einen Menschen sehr stark von ihrer ursprünglichen Erwartungshaltung gegenüber Mitmenschen leiten lassen. Und zum anderen dabei sehr sensibel auf negative Eindrücke reagieren, die sich schwer wieder revidieren lassen. In Bezug auf Investitionen in Wohnviertel empfehlen die Forscher daher, frühzeitig zu investieren, damit erst kein schlechter Eindruck entstehe.
Über ihre Ergebnisse berichten Christoph Engel, Sebastian Kube und Michael Kurschilgen vom Max-Planck-Institut zur Erforschung von Gemeinschaftsgütern in Bonn in ?Reprints of the Max Planck Institute for Research on Collective Goods? (Bd. 2011/5).

wissenschaft.de ? Anke Biester


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