Kunst ohne Tiefgang

Beim räumlichen Sehen schneiden Künstler und Kunststudenten ungewöhnlich schlecht ab. Zu diesem überraschenden Ergebnis kommt eine Forschergruppe um Margaret Livingstone von der Harvard Medical School in Boston. Das Team glaubt, auch eine Erklärung für diesen Zusammenhang gefunden zu haben: Menschen mit einer schlecht ausgeprägten Tiefenwahrnehmung haben möglicherweise mehr Erfolg bei künstlerischen Tätigkeiten, weil ihnen ihr Defizit zum Beispiel beim Malen Vorteile bringt - es zwingt sie dazu, sich stärker auf indirekte Hinweise auf räumliche Verhältnisse wie Schatten und perspektivische Veränderungen zu konzentrieren. Diese wiederum helfen, die Wirklichkeit auf Papier oder Leinwand zu bannen, berichten die Neurobiologen.
Um das räumliche Sehen von Künstlern zu untersuchen, führten Livingstone und ihr Team zwei Experimente durch. Im ersten sahen die Probanden virtuelle 3-D-Bilder, die am Computer erzeugt wurden. Dabei sollten sie jeweils beurteilen, ob sich ein Quadrat im Zentrum des Bildes scheinbar vor, hinter oder auf der gleichen Ebene wie der Computer-Monitor befand. Teilnehmer waren 403 Kunststudenten und 190 Studenten aus anderen Fachbereichen.

Im zweiten Experiment analysierten die Forscher die Augenstellung von 123 bekannten Malern und Bildhauern und verglichen diese mit 129 Mitgliedern des US-Kongresses. Dazu verwendeten sie Porträtaufnahmen, aus denen sie die Augen ausschnitten, so dass keine Rückschlüsse auf die Person mehr möglich waren. Zwei Experten beurteilten dann, ob die Pupillen beider Augen die gleiche Ausrichtung hatten oder ob ein leichtes Schielen vorlag. Letzteres geht praktisch immer mit einem Defizit beim dreidimensionalen Sehen einher.

Die erste Untersuchung zeigte deutlich, dass die Kunststudenten ein schlechteres räumliches Sehen besaßen als die Studenten der Kontrollgruppe. Die zweite Studie bestätigte diesen Trend: Bei den erfolgreichen Künstler war häufiger ein leichtes Schielen zu beobachten als bei den Personen der Vergleichsgruppe. "Unsere Ergebnisse machen deutlich, dass Künstler ein geringer ausgeprägtes dreidimensionales Sehen haben als die Durchschnittsbevölkerung", schreiben die Autoren. "Allerdings ist Schielen keine notwendige Voraussetzung, um als Künstler erfolgreich zu sein. Viele der untersuchten Maler und Bildhauer zeigen überhaupt keine Abweichung beider Pupillen."

Eine schlechtere räumliche Wahrnehmung könnte für einen Künstler jedoch von Vorteil sein. So werden Maler während ihrer Ausbildung häufig angewiesen, ein Auge zu schließen und dadurch indirekte Merkmale für räumliche Tiefe wie Schatten oder perspektivische Veränderungen genauer wahrzunehmen. "Eine geringer ausgeprägte Tiefenwahrnehmung könnte solche Merkmale hervortreten lassen und damit für einen Künstler von Vorteil sein", spekuliert Livingstone.
Margaret Livingstone (Harvard Medical School) et al: Psychological Science, doi: 10.1177/0956797610397958

dapd/wissenschaft.de - Christine Amrhein


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