Wie man Prüfungsangst los wird

 Seine Gefühle vor einer Prüfung zu Papier zu bringen, hilft gegen die Angst vor dem Versagen. Bild: AAAS/Science
Seine Gefühle vor einer Prüfung zu Papier zu bringen, hilft gegen die Angst vor dem Versagen. Bild: AAAS/Science
Wer sich kurz vor einem Test die Prüfungsangst von der Seele schreibt, ist bei der Prüfung selbst besser bei der Sache und schneidet auch besser ab. Das haben US-amerikanische Wissenschaftler in Versuchen im Labor und mit Schülern herausgefunden. Profitieren von dieser Methode können demnach vor allem Menschen mit starker Prüfungsangst. Man muss sich dafür lediglich zehn Minuten Zeit kurz vor der Prüfung nehmen, berichten Gerardo Ramirez und Sian Beilock.
Wichtige Prüfungen, von deren Ergebnis einiges abhängt, können einen hohen Druck erzeugen und lösen damit nicht selten Prüfungsangst aus. Diese Angst, das haben bereits einige Studien gezeigt, beschäftigt das sogenannte Arbeitsgedächtnis, früher auch Kurzzeitgedächtnis genannt. Genau dieser Teil des Erinnerungsvermögens wird jedoch auch für die zu lösenden Prüfungsaufgaben benötigt. Da er allerdings nur eine begrenzte Kapazität besitzt und das ängstliche Grübeln bereits Ressourcen belegt, steht für die Aufgaben selbst nicht mehr ausreichend Arbeitsspeicher zur Verfügung. Die Konsequenz: Der Betroffene kann nicht die Leistung abliefern, die er erbringen könnte, wenn er sein gesamtes Arbeitsgedächtnis zur freien Verfügung hätte.

Ein ähnlicher Effekt tritt auch bei einigen Krankheitsbildern wie zum Beispiel bei Depressionen auf, erläutern Ramirez und Beilock. In solchen Fällen konnten gute Erfolge mit dem sogenannten expressiven Schreiben erzielt werden, einer Therapieform, in der die Patienten möglichst offen ihre Gefühle und Ängste zu Papier bringen. Ramirez und Beilock vermuteten daher, dass eine ähnliche Methode auch Menschen mit Prüfungsangst helfen könnte. Sie ließen dazu im Labor 20 College-Studenten einen mathematischen Vortest ablegen, der als Datenbasis diente. Dann folgte die eigentliche Prüfung, bei der die Probanden unter einem von den Forschern künstlich erzeugten Leistungsdruck standen. Den Studenten wurde etwa gesagt, ihre Noten seien relevant für ein Stipendium oder der Test würde per Video aufgezeichnet und später Lehrern wie Mitschülern gezeigt. Ein Teil der Probanden wurde anschließend angewiesen, die letzten zehn Minuten vor Prüfungsbeginn einfach nur ruhig auf ihrem Platz sitzen zu bleiben, während der Rest der Studenten seine Gedanken und Gefühle bezüglich der bevorstehenden Matheaufgabe aufschreiben sollte.

Das Ergebnis: Die Kontrollgruppe schnitt unter Druck im Schnitt zwölf Prozent schlechter ab als im Vortest, während die schreibende Gruppe die Anzahl ihrer richtigen Antworten sogar durchschnittlich um fünf Prozent steigern konnte. Das war jedoch nicht darauf zurückzuführen, dass das Schreiben die Testteilnehmer schlicht von ihrer Angst abgelenkt hatte, zeigte ein weiterer Versuch. Setzten sich die Probanden nämlich vor der Prüfung schriftlich mit einem beliebigen Thema auseinander, blieb die Verbesserung aus.

Anschließend testeten die Forscher, ob sich der Effekt auch im normalen Schulbetrieb hervorrufen lässt. Probanden waren in diesem Fall 106 Schüler, die eine für die weiterführende Schule wichtige Prüfung bestehen mussten. Auch hier ließen die Forscher einige kurz vor dem Test über ihre Ängste schreiben, während andere Gedanken zu einem neutralen Thema zu Papier bringen sollten. Das Ergebnis bestätigte die Resultate der Laborstudie: Wieder schnitten die Schüler nach dem expressiven Schreiben im Vergleich zu früheren Arbeiten besser ab als Schüler aus der Kontrollgruppe. Die Voraussetzung für diese Verbesserung war allerdings, dass die Schüler tatsächlich unter starker Prüfungsangst litten - bei denjenigen, die keine Probleme mit einer Prüfungssituation hatten, trat der Effekt nicht auf. Das Zehn-Minuten-Schreibprogramm behebe demnach ähnlich wie die - deutlich längere - expressive Schreibtherapie die Blockade des Arbeitsgedächtnisses und erlaube es den Prüflingen so, ihr volles Potenzial auszuschöpfen, schlussfolgern die Forscher.
Gerardo Ramirez und Sian Beilock (University of Chicago): Science, Bd. 331, S. 211

dapd/wissenschaft.de - Anke Biester


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