Von harten Männern und sanften Frauen

Ob ein geschlechtsneutrales Gesicht eher als männlich oder als weiblich empfunden wird, hängt buchstäblich vom Fingerspitzengefühl des Betrachters ab: Berührt er etwas Weiches, neigt er dazu, dem Antlitz weibliche Züge zuzuschreiben - fühlt er dagegen Härte, assoziiert er männliche Attribute mit dem Gesicht. Das hat ein amerikanisch-kanadisches Forscherteam um Michael Slepian von der Tufts University in Medford herausgefunden. Das Klischee vom starken Mann und der sanften Frau ist demnach offenbar so grundlegend im Gehirn verankert, dass es sogar über den Tastsinn die Wahrnehmung beeinflusst, schreiben die Forscher.
Die Wissenschaftler hatten in einem ersten Experiment ihren 70 Versuchsteilnehmern entweder einen weichen oder einen harten Ball in die Hand gegeben. Dann forderten sie die Probanden auf, den Ball regelmäßig zu drücken. Währendessen sollten sie am Computerbildschirm Gesichter betrachten, die mit einem Bildbearbeitungsprogramm geschlechtsneutral gemacht worden waren, also eigentlich weder männliche noch weibliche Züge trugen. Aufgabe der Teilnehmer war es, die Gesichter dennoch einem Geschlecht zuzuordnen. Es zeigte sich, dass diejenigen, die auf einem weichen Ball herumdrückten, die Köpfe eher als weiblich einstuften. Wer hingegen einen harten Ball bekommen hatte, empfand die Gesichter eher als männlich.

Ein zweites Experiment bestätigte diesen Effekt. Dabei sollten weitere 48 Probanden ihre Einschätzung der Gesichter aufschreiben, wobei sich unter den verwendeten Zetteln Durchschlagpapier befand. Einem Teil der Gruppe erklärten die Forscher, sie müssten beim Schreiben besonders hart aufdrücken, weil man zwei Kopien benötige. Der Rest sollte normal schreiben, so dass das Durchschlagpapier noch einmal benutzt werden konnte. Das Ergebnis: Wer hart aufdrückte, sah vorwiegend männliche und wer mit wenig Druck schrieb, eher weibliche Gesichter.

"Wir waren über diese Ergebnisse wirklich überrascht", kommentiert Slepian die Studie. "Es ist bemerkenswert, dass allein das Gefühl, etwas Hartes oder Weiches zu benutzen, die Einschätzung von Gesichtern beeinflusst." Dies zeige, dass das Verständnis sozialer Kategorien - wie etwa das Geschlecht - zumindest teilweise auf körperliche Signale zurückzuführen ist.

Dass Körperliches allgemein bei der Einschätzung von Dingen eine nicht unwesentliche Rolle spielt, hatten auch schon frühere Studien nahegelegt. So vermittelt zum Beispiel ein großes Gewicht eines Gegenstandes, dass dieser wichtig ist. Drückt man jemandem etwa eine Akte in die Hand, die viel wiegt, wird er deren Inhalt als sehr bedeutsam bewerten. Wer dagegen eine leichte Akte tragen soll, hält sie eher für unwichtig.
Michael Slepian (Tufts University, Medford) et al.: Psychological Science, Online-Vorabveröffentlichung, doi: 10.1177/0956797610390388

dapd/wissenschaft.de - Hans Groth


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