Ins Gesicht geschrieben

Die Augen sind die Fenster zur Seele, heißt es. Um Mitmenschen einzuschätzen, wandert unser Blick automatisch ins Gesicht des Gegenübers. Dabei entwickeln wir bereits instinktiv eine subjektive Vorstellung bestimmter Charaktereigenschaften wie beispielsweise den Grad der Vertrauenswürdigkeit des Anderen. Forscher aus Tschechien und Kanada sind nun der Frage auf die Spur gekommen, welche Gesichtsmerkmale dafür konkret verantwortlich sind. Demnach erregen Gesichtszüge am stärkste Vertrauen, die statistisch häufig in Kombination mit braunen Augen auftreten.
Ursprünglich wollten Karel Kleisner von der Universität Prag und seine Kollegen herausfinden, ob es einen Zusammenhang zwischen der Augenfarbe einer Person und dem Grad der Vertrauenswürdigkeit gibt, die man ihr unterstellt. Deshalb zeigten sie insgesamt 140 männlichen und weiblichen Studenten Portraits von 80 Frauen und Männern, von denen die eine Hälfte braune und die andere blaue Augen besaß. Die Studienteilnehmer sollten die Vertrauenswürdigkeit der abgebildeten Personen dabei auf einer Skala von eins bis zehn einstufen. Ein Punkt bedeutete also: Dieser Person würde ich eher nicht trauen. Zehn Punkte dagegen: Da würde ich mich besonders gut aufgehoben fühlen.

Die Auswertungen der Forscher zeigten: Im Durchschnitt bekamen Frauen und Männer mit braunen Augen deutlich mehr Vertrauenspunkte als blauäugige. Um das Ergebnis zu prüfen, manipulierten die Forscher nun am Computer die Augenfarben der abgebildeten Personen: Sie verpassten den eigentlich blauäugigen Kandidaten braune Augen und umgekehrt. Mit diesen Bilder führten sie nun erneut die Befragungen bei einer neuen Gruppe tschechischer Testpersonen durch. Das Ergebnis erstaunte: Nun verschwand der Vertrauensbonus, den braune Augen zu vermitteln schienen.

Die typischen Gesichtszüge Braunäugiger wirken vertrauenerweckend

Analysen der Gesichtszüge der abgebildeten Personen offenbarten den Hintergrund des widersprüchlichen Ergebnisses. Demnach besitzen blauäugige Menschen durchschnittlich etwas feinere Gesichtszüge als braunäugige. Sie haben tendenziell einen schmaleren Mund, kleinere Augen und eine länglichere Gesichtsform. Genau dies waren auch die Züge, die Betrachter mit einem weniger vertrauenswürdigen Menschen verbanden, wie die Auswertung ergab.

Obwohl also braunäugige Gesichter auf uns offenbar vertrauenswürdiger wirken als blauäugige, ist dafür offenbar nicht die braune Augenfarbe selbst verantwortlich. Grundlegend ausschlaggebend sind die Gesichtszüge, die typischer Weise gemeinsam mit braunen Augen auftreten, erklären die Forscher. Sie vermuten, dass dieser Zusammenhang sowohl für männliche als auch weibliche Gesichter gilt. Bei Männern konnten sie die Verknüpfung auch eindeutig nachweisen. Da Frauen allerdings etwas weniger ausgeprägte Unterschiede in den Gesichtszügen besitzen, sei der Zusammenhang beim weiblichen Geschlecht im Rahmen der Studie nicht statistisch gesichert.

Am Ende stellt sich natürlich die Frage, warum Menschen ausgerechnet Züge von braunäugigen Menschen positiver einschätzen als die von blauäugigen. Den Forschern zufolge gibt es für das Phänomen aber bisher keine eindeutige Erklärung. Ob sich dahinter kulturelle Unterscheide verbergen, könnten nun Wiederholungen der Versuche in anderen Ländern zeigen. Aber offenbar treten zumindest in Tschechien die Menschen typisch braunäugigen Personen mit gesteigerter Vertrauensseligkeit gegenüber, so die aktuelle Studie.
Karel Kleisner (Universität Prag) et al.: PLoS ONE, doi: 10.1371/journal.pone.0053285

© wissenschaft.de – Martin Vieweg


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