Schönheit lässt tief blicken

Bei einer ersten Begegnung wird der Charakter einer Person umso treffender eingeschätzt, je attraktiver sie wahrgenommen wird. Zu diesem Schluss sind kanadische Wissenschaftler in einer Studie gekommen. Demnach werden positive Charakterzüge bei schönen Menschen zwar verstärkt empfunden, doch die Relation der einzelnen Eigenschaften zueinander wird dennoch genauer erkannt, als bei Personen, die als weniger attraktiv wahrgenommen werden. "Es ist nicht nur so, dass wir Bücher nach ihrem Einband beurteilen, wir lesen diejenigen mit einem schönen Einband auch eingehender als die anderen", erklärt Jeremy Biesanz von der University of British Columbia in Vancouver das Phänomen.
Viele Wissenschaftler beschäftigen sich mit der Frage, wer eine Person am besten einschätzen kann und warum - wobei der Schlüsselfaktor in der Regel bei der beurteilenden Person vermutet wird. Biesanz und sein Team drehten die Fragestellung einfach herum: Welche Eigenschaften bringt ein Mensch mit sich, der von anderen besonders treffend beurteilt wird? Um zu überprüfen, ob der Schlüsselfaktor bei der zu beurteilenden Person liegt, ließen sie 73 Freiwillige zum Test antreten. Sie teilten die Probanden in Gruppen mit je fünf bis elf Mitgliedern ein, die sich vorher nicht kannten. Innerhalb der Gruppen sprach dann jeder Teilnehmer je drei Minuten mit jedem anderen Teilnehmer - also eine Situation vergleichbar mit einer Party, bei der jeder mit jedem ein wenig Small Talk pflegt.

Nach jeder Unterhaltung beurteilten die beiden Gesprächsteilnehmer jeweils die Attraktivität des Gegenübers. Zudem gaben sie mit Hilfe einer Skala eine Einschätzung darüber ab, für wie offen, gewissenhaft, extravertiert, liebenswürdig, neurotisch und intelligent sie ihren Gesprächspartner hielten. Die Einschätzungen durch andere Gruppenteilnehmer verglichen die Forscher dann mit den Selbsteinschätzungen der Probanden - und kamen dabei zu einem eindeutigen Ergebnis: Eine Person wurde immer dann besonders treffend charakterisiert - verglichen mit ihrer Selbsteinschätzung -, wenn ihr Gegenüber sie als sehr hübsch empfand. Hielt ein Gruppenmitglied ein anderes für nur durchschnittlich anziehend oder gar unattraktiv, lag es mit der Einschätzung hingegen oft daneben.

Gleichzeitig bestätigt sich ein Ergebnis früherer Studien: Bei attraktiven Teilnehmern wurden positive Charaktereigenschaften verstärkt wahrgenommen. Positiver und dennoch genauer? Nur scheinbar ein Widerspruch, wie die Forscher erklären. Man nehme als Beispiel eine überaus attraktive Frau namens Jane, die deutlich organisierter sei als die meisten anderen Menschen, aber auch weniger großzügig als der Durchschnitt: Sie werde aufgrund ihres angenehmen Äußeren zwar insgesamt als organisierter und großzügiger eingestuft, als sie tatsächlich ist. "Doch unsere Studie zeigt, dass die Menschen trotz dieser Tendenz die Relationen bei den Charakterzügen korrekt einschätzen: Sie sehen, dass Jane deutlich mehr organisiert als großzügig ist", erklärt Biesanz. "Und diese Relationen erkennen sie bei ihr besser als bei Menschen, die sie weniger attraktiv finden." Der Grund für die genauere Einschätzung attraktiver Menschen liegt nach Ansicht der Wissenschaftler auf der Hand: Man widme ihnen schlicht mehr Aufmerksamkeit, sei es aus Neugier, Begehren oder dem Wunsch nach Freundschaft oder einer Beziehung.
Jeremy Biesanz (University of British Columbia, Vancouver) et al.: Psychological Science, Bd. 21, Nr. 12, doi: 10.1177/0956797610388048

dapd/wissenschaft.de ? Mascha Schacht


Reload-Capcha neu laden Text der identifiziert werden soll

Bitte geben Sie zusätzlich noch den Sicherheitscode ein!

Rubriken

 


Harte Nuss
Rätsel: Berühmte Entdecker gesucht

 

Der Buchtipp

Eine kurzweilige Führung durch den Bienenstock mit einer erhellenden Dosis Wissenschaft – das bietet das Buch "Die Honigfabrik" von Jürgen Tautz.

Zu allen Buchtipps


Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der Konradin Mediengruppe