Variable Moral

Ob Vergangenheit oder Zukunft: Die Beurteilung einer unmoralischen Tat müsste eigentlich immer gleich ausfallen, unabhängig vom Zeitpunkt des Geschehens. Dem ist jedoch nicht so, wie jetzt der US-Forscher Eugene Caruso von der University of Chicago durch psychologische Tests herausgefunden hat. Vielmehr wird dieselbe Tat als deutlich schlimmer empfunden, wenn ihre Ausführung noch bevorsteht. Damit nicht genug: Hat das Ereignis bereits stattgefunden, forderten die Versuchsteilnehmer dafür ein deutlich geringeres Strafmaß ein, als beim gleichen Szenario in der Zukunft. Der Wissenschaftler vermutet als Ursache für die unterschiedliche Beurteilung die starke Zukunftsprägung des Menschen: Künftige Ereignisse seien generell stärker mit Emotionen belegt, da sie unterbewusst mit Ängsten einhergingen.
Eine künftige Bedrohung wird als gefährlicher empfunden als dasselbe Ereignis, das bereits überstanden ist - unabhängig davon, ob man selbst betroffen ist oder nicht. So weit, so logisch. Caruso interessierte nun zunächst, ob auch die moralische Beurteilung vom Zeitpunkt des Geschehens abhängt.

Dazu befragte er Freiwillige zu unterschiedlichen politischen und Alltagsszenarien. Die Teilnehmer sollten beispielsweise ein moralisches Urteil über einen Getränkeautomaten fällen, der bei hohen Temperaturen automatisch den Preis anhebt. Der Hälfte der Teilnehmer wurde dabei erzählt, der Automat sei in den vergangenen Monaten getestet worden, der anderen Hälfte, er werde in den kommenden Monaten getestet werden. Die Zukunftsgruppe zeigte sich dabei deutlich empörter als die Vergangenheitsgruppe.

Der Zusammenhang ließ sich jedoch nicht nur bei negativen Ereignissen herstellen: Die Ankündigung einer Spende etwa rief bei den Versuchsteilnehmern deutlich mehr Begeisterung und eine positivere Beurteilung hervor als bei der Gruppe, bei der dieselbe Summe bereits gespendet worden war.

Dass die unterschiedliche Bewertung gleicher Ereignisse so deutlich vom Zeitpunkt des Geschehens abhängt, hat nach Carusos Einschätzung weitreichende gesellschaftliche Konsequenzen. Er verdeutlicht dies am Beispiel eines Tabakkonzerns, der über die Einführung eines gesundheitlich sehr bedenklichen, aber profitablen Produkts nachdenke: Mit dem Wissen, dass sich die negativen Konsequenzen für den Konzern im Nachhinein meist in Grenzen halten, würde er sich für die Produkteinführung entscheiden.
Eugene Caruso (University of Chicago): Journal of Experimental Psychology: General, Bd. 139, Nr. 4

dapd/wissenschaft.de ? Mascha Schacht


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