Das Gewissen kommt im Alter

Ob und wie stark Menschen Schuldgefühle entwickeln, hängt auch von ihrem Geschlecht und Alter ab. Zu diesem Schluss kommen spanische Forscher, nachdem sie psychologische Tests mit Männern und Frauen unterschiedlichen Alters durchgeführt hatten. Frauen fühlen sich demnach prinzipiell schneller schuldig als Männer, was nach Ansicht der Wissenschaftler vor allem auf die unterschiedliche Erziehung zurückzuführen ist: Bei Frauen werde nach wie vor mehr Wert auf ein ausgeprägtes Einfühlungsvermögen gelegt als bei Männern. Daher entwickeln Männer gerade in jungen Jahren auch deutlich seltener Schuldgefühle. Erst ab einem Alter von 40 bis 50 Jahren nähern sie sich diesbezüglich den Frauen an, berichten die Forscher um Itziar Etxebarria von der Universität des Baskenlandes in San Sebastián.
Die Wissenschaftler bewerten ihre Ergebnisse dahingehend, dass Frauen nicht etwa zu schnell und zu intensiv Schuldgefühle entwickeln, sondern eher die Männer zu selten und zu wenig: Das starke Geschlecht erkenne offensichtlich einfach seltener, wann es einer Person Leid zugefügt oder sie in Unannehmlichkeiten gebracht hat. Diese Fähigkeit entwickeln Männer demnach erst im Laufe der Jahre, während Frauen bereits im Kindesalter dazu angeleitet werden, sich um andere zu kümmern.

Doch auch Frauen machen bezüglich Schuld und Mitgefühl eine zeitliche Entwicklung durch: Junge Frauen zeichnen sich vor allem durch Empathie aus, sie leiden also mit der Person mit, der sie geschadet haben. Mit zunehmendem Alter neigen sie allerdings stattdessen immer mehr zu einem ängstlich-aggressiven Schuldgefühl: Anstelle des Mitgefühls tritt die Sorge, welche Konsequenzen der angerichtete Schaden für die eigene Person haben könnte, sowie der Ärger über die unangenehmen Schuldgefühle.

Für ihre Studie befragten die Wissenschaftler 360 Männer und Frauen unterschiedlichen Alters, ob und wie stark sie in verschiedenen Situationen Schuldgefühle entwickeln würden. Neben den geschlechtsspezifischen Unterschieden stellten die Forscher eine unterschiedliche Bewertung von Situationen fest: Wenn eine Verfehlung rein moralischer Natur war, etwa "ich habe zu viel getrunken", entwickelten beide Geschlechter seltener und weniger stark ausgeprägte Schuldgefühle, als in Fällen, bei denen andere Personen zu Schaden kamen.
Itziar Etxebarria (Universität des Baskenlandes, San Sebastián) et al.: The Spanish Journal of Psychology, Bd. 12, Nr. 2, S. 540

ddp/wissenschaft.de ? Mascha Schacht


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