Ökologisches Roulette

Die Savanne gehört zu den Lebensräumen, bei denen der Artenschwund bereits die planetare Belastungsgrenze der Biodiversität überschritten hat. (Foto: swissmediavision/iStock)

Die Ökosysteme der Erde sind mehr als nur Dekoration – sie übernehmen für uns lebenswichtige Funktionen im System Erde. Doch die Menschheit ist auf bestem Wege, sich diese Lebensgrundlage zu nehmen. Denn wie Forscher ermittelt haben, ist der Artenschwund auf gut 58 Prozent der Landfläche bereits so weit fortgeschritten, dass er die planetare Belastungsgrenze überschreitet. Das aber bedeutet, dass die betroffenen Ökosysteme für uns wichtige Funktionen und Dienstleistungen kaum noch erbringen können.

Das System Erde ist ziemlich widerstandsfähig: Es kann einiges an Veränderungen abpuffern und hat dies im Laufe der Erdgeschichte auch immer wieder getan. Doch es gibt Grenzen der Belastung. Werden sie überschritten, dann verändert sich die Umwelt auf unserem Planeten so, dass es für uns Menschen weniger lebensfreundlich wird. Nachdem die Erde seit Ende der letzten Eiszeit lange in einem stabilen Zustand war, droht der Mensch seit Beginn der Industrialisierung, durch tiefgreifende Eingriffe in Klima, Ökologie und Stoffkreisläufe, das System Erde aus dem Gleichgewicht zu bringen. Bereits 2015 warnten Forscher, dass vier der neun planetaren Grenzen bereits überschritten sein könnten, darunter Klimawandel, Artenvielfalt, Landnutzung und die Stickstoff- und Phosphor-Kreisläufe. Tim Newbold vom University College London und seine Kollegen haben nun noch einmal genauer geprüft, wo auf der Welt und in welchem Ausmaß der Artenschwund die planetare Grenze der Belastung bereits gebrochen hat. Konkreter ausgedrückt: Sie haben untersucht, wo der von uns verursachte Artenverlust schon so gravierend ist, dass die betroffenen Ökosysteme für uns wichtige Leistungen wie Biomassewachstum, das Verarbeiten und Recyceln von Nährstoffen und anderes nicht mehr erbringen können.

Für ihre Studie werteten die Forscher 2,38 Millionen Datensätze zur Entwicklung und Bedeutung von fast 40.000 Arten an knapp 19.000 Orten auf der Erde aus. Die Daten stammten aus der PREDICTS -Datenbank (Projecting Responses of Ecological Diversity in Changing Terrestrial Systems), einem Projekt, das für verschiedenste Biome und Gebiete auf der Erde erfasst, wie sich die Biodiversität und Artenzusammensetzung im Laufe der Zeit verändert. Aus diesen Informationen rekonstruierten die Forscher, wie stark diese Verluste seit vor Beginn der menschlichen Eingriffe waren. Der gängigen Annahme nach wird die planetare Belastungsgrenze der Biodiversität dort überschritten, wo zehn Prozent der Organismenhäufigkeit und 20 Prozent der Artenzahlen verloren gehen – allerdings sind die Unsicherheitsfaktoren für diese Grenzwerte noch recht hoch.  "Wir haben uns gefragt, wie viel von der Landfläche der Erde bereits auf diese Weise biotisch geschädigt ist", sagen Newbold und seine Kollegen. Ihre Studie sei dabei die bisher erste, die die Auswirkungen des Artenverlusts so detailliert quantifiziere.

Grenze in 58 Prozent der Landfläche überschritten

Das Ergebnis ist alarmierend: "Wir stellen fest, dass die Biodiversität in einem Großteil der Welt bereits unter der von Ökologen angesetzten planetaren Grenze liegt", berichtet Newbold. In 58,1 Prozent der weltweiten Landfläche ist die Artenvielfalt demnach bereits so stark gesunken, dass die Ökosysteme ihre für den Menschen wichtigen Funktionen kaum noch erfüllen können. Geht man von einem Grenzwert bei 20 Prozent Artenschwund aus, dann sind es immerhin noch gut ein Drittel der Landfläche. Ursache dieser Entwicklung sind vor allem Eingriffe in die Lebensräume durch die Landnutzung. "Unsere Daten deuten darauf hin, dass neun der 14 terrestrischen Biome der Erde bereits die planetare Grenze überschritten haben", sagen die Forscher. Am stärksten betroffen sind dabei Grasland-Biome wie Steppen und Prärien, sowie Savannen und Strauchlandschaften. Aber auch die Lebensgemeinschaften vieler Wälder und von einzigartigen Hotspots der Artenvielfalt haben mittlerweile so starke Verluste erlitten, dass sie in ihrer Funktion stark beeinträchtigt sind. Wenig überraschend sind die Auswirkungen in den Gebieten am stärksten, in denen die menschliche Besiedlung am dichtesten ist.

Die Wissenschaftler warnen vor den Folgen, sollte diese Entwicklung unverändert so weitergehen. "Weltweit machen sich die politischen Entscheider viele Gedanken über wirtschaftliche Rezessionen, aber eine ökologische Rezession könnte sehr viel schwerwiegendere Konsequenzen haben", erklärt Koautor Andy Purvis vom Natural History Museum in London. Schon jetzt seien die Einbußen in der Biodiversität so stark, dass genau dies geschehen könnte. "Wenn es uns nicht gelingt, die Artenvielfalt zu erhalten, spielen wir ökologisches Roulette." Nach Ansicht der Forscher kann in vielen Gebieten der Erde die Funktion der Ökosysteme nur noch dann erhalten werden, wenn wir Menschen handeln. "Wir müssen versuchen, die noch verbleibenden Gebiete naturbelassener Vegetation zu schützen und die vom Menschen veränderten und genutzten Landflächen wieder zu renaturieren", meint Newbold. "Das hilft nicht nur der Artenvielfalt, sondern langfristig auch dem menschlichen Wohlergehen."

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