Schwimmende Dreckschleudern

Containerschiff in einem chinesischen Hafen (Foto: Lee Yiu Tung/iStock)

Der Anteil der asiatischen Schwellenländer am Welthandel steigt – und damit auch der Seehandel in Ostasien. Das ist zwar gut für die Wirtschaft dieser Länder, nicht aber für die Umwelt und die Gesundheit ihrer Bewohner, wie nun eine Studie enthüllt. Demnach sind die Emissionen des Schiffsverkehrs in Ostasien in den letzten zehn Jahren um das Vierfache angestiegen. Allein der Feinstaub- und Ozonanteil dieses Ausstoßes könnte in China jedes Jahr für rund 18.000 vorzeitige Todesfälle verantwortlich sein, so das Ergebnis der Forscher.

Asien und insbesondere China gehören heute zu den wichtigsten Lieferanten der Rohstoffe und Waren für den westlichen Markt. "Der Anteil Ostasiens am weltweiten Seehandel liegt heute bei knapp 40 Prozent und acht der zehn wichtigsten Containerhäfen liegen in Ostasien", erklären Huan Liu von der Tsinghua Universität in Peking und seine Kollegen. Seit 2005 habe sich der Schiffsverkehr in diesem Gebiet mehr als verdoppelt. Welche Folgen dies für Klima, Umwelt und Gesundheit der Menschen hat, blieb jedoch bisher weitgehend unklar, weil es an umfassenden und genauen Messungen vor Ort fehlte. Dies haben die Forscher nun nachgeholt. Für ihre Studie werteten sie Satellitenaufnahmen und Daten der automatischen Schiffs-Identifikationssysteme aus, um die Bewegungen von knapp 19.000 Schiffen im Laufe des Jahres 2013 nachzuverfolgen. Mit Hilfe der technischen Daten zum Schiffstyp und den von den Motoren ausgestoßenen Emissionen rekonstruierten sie in einer Modellsimulation die Gesamtemissionen des Schiffsverkehrs im Chinesischen Meer, im Gelben Meer und im Japanischen Meer. Die Forscher erfassten die Emissionen von Kohlendioxid (CO2), Stickoxiden (NOx), Lachgas (N2O), Schwefeldioxid (SO2), Methan, Feinstaub, Ozon und flüchtige organischen Kohlenwasserstoffen.

Emissionen vervierfacht

Den Berechnungen der Forscher zufolge stoßen die Frachter, Tanker und Containerschiffe Ostasiens pro Jahr 126 Teragramm CO2 aus – das entspricht 16 Prozent der weltweiten CO2-Emissionen im Schiffsverkehr. Innerhalb der letzten rund zehn Jahre seien diese Werte damit um das rund Vierfache angestiegen, berichten Liu und seine Kollegen.  Bei den Stickoxid-Emissionen liegt der ostasiatische Anteil ebenfalls bei 16 Prozent, beim Schwefeldioxid sind es 19 Prozent. Vor allem vor China wird dabei ein Großteil der Emissionen in unmittelbarer Nähe der Küste abgegeben: "60 Prozent der Emissionen stammen aus einem Gebiet innerhalb von 20 nautischen Meilen vom Land", so die Forscher. Besonders hoch ist der Ausstoß von Schadstoffen in den verkehrsreichen Routen im Ostchinesischen Meer, sowie vor den Häfen von Hongkong, Shenzhen und Guangzhou in Südchinesische Meer.

Interessanterweise aber stammen die Verursacher dieser Emissionen größtenteils nicht aus China: Zwei Drittel aller Emissionen werden von Schiffen ausgestoßen, die außerhalb Ostasiens registriert sind. Die meisten Schadstoffe gehen dabei auf das Konto von Containerschiffen und Stückgutfrachtern, sie sind für jeweils ein Viertel der ostasiatischen Emissionen verantwortlich, wie Liu und seine Kollegen ermittelten.  Während in Europa Kreuzfahrtschiffe immerhin für rund ein Drittel der Schifffahrts-Emissionen verantwortlich sind, liegt ihr Anteil in Ostasien dagegen nur bei zwei Prozent.

Wie aber wirken sich diese Missionen auf das Klima und auf die Gesundheit der Bevölkerung aus? Um das herauszufinden, untersuchten Liu und seine Kollegen im speziellen die schiffsbedingten Feinstaub- und Ozon-Belastungen in Ostasien – beides Schadstoffe, die Atemwegserkrankungen, Herz-Kreislauf-Erkrankungen und Lungenkrebs fördern. Das Ergebnis: Den Berechnungen der Forscher nach könnten die Schiffs-Emissionen Ostasiens für mehr als 24.000 vorzeitige Todesfälle pro Jahr verantwortlich sein. Allein in China sterben wahrscheinlich 18.000 Menschen jährlich durch die erhöhte Schadstoffbelastung, wie die Forscher berichten. Weltweit könnten Feinstaub und Ozon aus den Schiffsmotoren in Ostasien für bis zu 37.500 Todesfälle verantwortlich sein. In Bezug auf das Klima ist die Wirkung der Schiffs-Emissionen dagegen eher zwiespältig: Kurzfristig betrachtet tragen die Schwebstoffe und der Feinstaub sogar dazu bei, das Klima abzukühlen, weil sie einen Teil des Sonnenlichts abfangen. "Dadurch maskieren diese Emissionen zumindest vorübergehend einen Teil der Treibhausgas-bedingten Erwärmung", so Liu und seine Kollegen. "Langfristig jedoch wirkt sich die Treibhauswirkung des ausgestoßenen CO2 stärker aus."

Nach Ansicht der Forscher zeigen diese Ergebnisse, wie wichtig es ist, die Emissionen des Schiffsverkehrs auch und gerade in dieser Region stärker zu reglementieren. "Der Seehandel Ostasiens ist zu einer signifikanten Quelle von lokaler Luftverschmutzung und klimawirksamen Substanzen geworden", konstatieren sie. "Weil aber ein großer Teil der Schiffe woanders registriert ist, bedarf es vereinter Bemühungen, um die Schiffs-Emissionen in dieser Region zu reduzieren und so die Klima- und Gesundheitsfolgen zu verringern." In einem begleitenden Kommentar in der gleichen Nature-Ausgabe lobt James Corbett von der University of Delaware vor allem die methodische Gründlichkeit und hohe Qualität der von den Forschern zusammengetragenen Daten. "Sie repräsentieren einen wichtigen Beitrag zu globalen Erhebungen und verbessern bisherige Risikoeinschätzungen für dieses Gebiet nun auf europäisches Niveau."

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