Wo unser Konsumhunger am meisten schadet

Diese Karte zeigt die Gefährdungs-Hotspots, die durch den Konsum der USA verursacht werden. (Grafik: Daniel Moran und Keiichiro Kanemoto)

Der Konsumhunger der Industrieländer schadet der Natur selbst in weit entfernten Regionen. Wo genau die Produktion von Exportgütern für die größte Gefährdung von Tierarten an Land und im Meer sorgt, haben zwei Forscher nun ermittelt. Ihre Karte zeigt unter anderem den Gefährdungs-Fußabdruck der EU, der USA und Japans – der drei größten Verursacher indirekter Bedrohungen für die weltweite Artenvielfalt.

Ob die Abholzung von Wäldern für Plantagen oder Weiden, intensive Fischerei oder der Abbau von Bodenschätzen: Die meisten dieser Aktivitäten zerstören den Lebensraum von Tieren und Pflanzen und können im Extremfall sogar zum Aussterben von Arten führen. Doch auch wenn die meisten dieser ökologisch bedenklichen Veränderungen der Landnutzung in den Entwicklungs- und Schwellenländern stattfinden: Die treibende Kraft dahinter sind in der Regel wir – die Industrieländer. Unser enormer Bedarf an Rohstoffen und Gütern fördert die Produktion von Exportwaren in anderen Ländern und damit auch die Naturzerstörung. Bereits im Jahr 2012 errechnete ein internationales Forscherteam, dass rund ein Drittel aller weltweit bedrohten Tier- und Pflanzenarten letztlich durch den Welthandel leiden. Allein Deutschland ist demnach indirekt für die Gefährdung von 611 Tier- und Pflanzenarten verantwortlich. Die bedrohten Arten leben in so weit entfernten Ländern wie Russland, dem Sudan oder Madagaskar.

Einen Schritt weiter gehen nun Daniel Moran von der Norwegischen Universität für Wissenschaft und Technologie in Trondheim und Keiichiro Kanemoto von der Shiinshu Universität in Japan. Sie haben anhand von knapp 7000 bedrohten und gefährdeten Tierarten im Meer und an Land ermittelt, welche Lebensräume und Hotspots der Artenvielfalt durch den Konsumhunger der verschiedenen Industrieländer besonders betroffen sind. Für ihre Studie ermittelten die Forscher, wie viel Prozent der Gefährdung einer Tierart in einem bestimmten Habitat auf den Handel mit einem anderen Land zurückgehen. "Mit diesen Daten können wir fragen, welche Länder und welche Konsumkategorien Habitate in verschiedenen Hotspots bedrohen", erklären Moran und Kanemoto. Aus den Daten erzeugten die Wissenschaftler Karten, die den Gefährdungs-Fußabdruck eines bestimmten Landes in Gebieten im Rest der Welt anzeigen.

Gefährdungs-Hotspots in Südostasien und Afrika

Es zeigt sich: Vor allem die USA, die EU und Japan hinterlassen in vielen Regionen den größten Gefährdungs-Fußabdruck. Bei den marinen Tierarten sorgt der Bedarf der EU und der USA an Fisch und Meeresfrüchten, aber auch an industriell hergestellten Gütern in Südostasien für eine besonders starke Bedrohung heimischer Arten. Die dortige Produktion für den Export bringt eine Überfischung und die Verschmutzung des Meeres durch Aquakulturen und Schadstoffe mit sich, wie die Forscher berichten. Besonders stark wirkt sich der Konsumhunger der EU zusätzlich in den Meeresgebieten um Madagaskar, Mauritius und den Seychellen aus. Für die USA werden auch artenreiche Meeresgebiete in der Karibik und an der Mündung des Orinoco gefährdet.

An Land macht sich der Konsumhunger der EU vor allem in Afrika bemerkbar: "Der EU-Konsum treibt Gefährdungs-Hotspots in Marokko, am Horn von Afrika von Libyen bis Kamerun, in Madagaskar, Zimbabwe und am Malawi- und Victoriasee", berichten Moran und Kanemoto. Auch in der Türkei und in Zentralasien gibt es Lebensräume, die speziell durch den Anbau und die Produktion von Exportgütern stark geschädigt sind. Die USA verursachen dagegen indirekte Bedrohungen der Artenvielfalt vor allem in Südostasien und Südamerika, aber auch im Süden Europas und in der Sahelzone. "Der große Einfluss des US-Konsums auf die Artenvielfalt und vor allem Vögel und Fischarten in Spanien und Portugal ist bemerkenswert", sagen die Wissenschaftler. "Denn diese Länder werden meist nicht gerade als Hotspots für die Gefährdung der Artenvielfalt angesehen." Doch Olivenöl aus diesen Länder wird auch in die USA exportiert – und für die Bewässerung der Olivenbäume wurden Staudämme errichtet, die lokale Lebensräume veränderten und zerstörten. Der dritte große Fußabdruck der Gefährdung stammt von Japan. Er konzentriert sich in Südostasien und auf einigen Südseeinseln und geht vor allem auf den Anbau von Tee, Kokosnüssen und Palmöl zurück, aber auch der Abbau von Gold auf Papua Neuguinea gefährdet dort Tierarten.

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Wie Konsum, Welthandel und Artengefährdung zusammenhängen (Nature Video)

Wie die Forscher betonen, dienen ihre Karten aber nicht nur dazu, mit dem Finger auf bestimmte Import-Länder zu zeigen. Vielmehr soll das Wissen um die treibenden Kräfte hinter der Gefährdung bestimmter Lebensräume und Tierarten dabei helfen, die Artenvielfalt in diesen Hotspots künftig gezielter zu schützen. "Bisher gehen schätzungsweise 99 Prozent der Gelder, die die USA jährlich für den Artenschutz ausgibt, ins eigenen Land oder in ähnlich wohlhabende Länder", berichten Moran und Kanemoto. "Doch diese Länder sind selten diejenigen, in denen die Gefährdungs-Hotspots liegen." Die genaue Kenntnis der Zusammenhänge aber könnte dazu beitragen, dass künftig diese Gelder zumindest zum Teil in den Regionen landen, wo die meisten ökologischen Folgen auftreten. "Karten der Gefährdungs-Hotspots können allen Akteuren helfen, von Produzenten über Artenschützer bis hin zum Endkonsumenten, um Lösungen für die am stärksten bedrohten Gebiete zu finden", so Moran und Kanemoto.
 

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