Wie nachhaltig ist der Biolandbau wirklich?

Ist die ökologische Landwirtschaft die Lösung für eine nachhaltige Nahrungsversorgung der Welt? (Foto: University of British Columbia)
Abnschneiden des Biolandbaus im Vergleich zur konventionellen Landwirtschaft (Grafik: Seufert et al. Sci. Adv. 2017;3:e1602638)

Die ökologische Landwirtschaft hat bei den meisten Menschen einen guten Ruf: Sie gilt als umweltverträglich, gesund und nachhaltig. Aber ist sie auch die alleinseligmachende Lösung für die Nahrungsversorgung der Zukunft? Forscher haben die Vor- und Nachteile des Biolandbaus für Natur, Mensch und Klima jetzt erstmals umfassend untersucht. Ihr Fazit: Die ökologische Landwirtschaft kann in einigen Bereichen tatsächlich punkten – aber nicht in allen. Wie groß die Vorteile sind, hängt zudem stark von Region und Umständen ab.

Giftige Pestizide in Wasser, Böden und Nahrung, artenarme Monokulturen, Ertrag um jeden Preis – die Nachteile der konventionellen, oft industriell betriebenen Landwirtschaft sind in vielen Bereichen offensichtlich. Andererseits ist die wachsende Weltbevölkerung auf einen für alle ausreichenden und bezahlbaren Nahrungsnachschub angewiesen. Ohne halbwegs effektive Landwirtschaft geht es daher nicht. "Als Lösung für die Herausforderung, nachhaltige Nahrungssicherheit zu schaffen, wird oft die ökologische Landwirtschaft als die Lösung schlechthin angesehen", sagt Erstautorin Verena Seufert von der University of British Columbia in Vancouver. Bisher nimmt der Biolandbau zwar nur rund ein Prozent der gesamten weltweit landwirtschaftlich genutzten Fläche ein, er ist aber in Europa und Nordamerika bereits der am schnellsten wachsende Sektor in der Lebensmittelproduktion. Ob der Biolandbau sich aber tatsächlich als Basis für eine künftige Welternährung eignet, ist stark umstritten. "Einige Kritiker sehen ihn als rückständige und romantisierte Form der Landwirtschaft an, die zu Hunger und Zusammenbruch der Nahrungsversorgung führen würde, wenn man sich auf sie verlässt", sagt Seufert.

Um mehr Klarheit in die Debatte zu bringen, haben Seufert und ihr Kollege Navin Ramankutty nun erstmals alle bisher bekannten Daten zu den Vor- und Nachteilen der ökologischen Landwirtschaft zusammengetragen und ausgewertet. In ihrer Studie analysieren sie, wie der Biolandbau in 17 Kriterien abschneidet – von den Erträgen und die langfristige Versorgungsstabilität über die Effekte auf Artenvielfalt, Klima und Bodenqualität bis hin zu den gesundheitlichen, sozialen und wirtschaftlichen Auswirkungen auf Bauern und Konsumenten. Die Wissenschaftler untersuchte dabei auch, wie stark regionale Unterschiede und andere Faktoren das Abschneiden beeinflussen.

Viele Grauschattierungen statt Schwarz-weiß

Das Ergebnis: "Die ökologische Landwirtschaft kann nicht der heilige Gral sein, wenn es um die nachhaltige Nahrungsversorgung der Menschheit geht", so Seufert und Ramankutty. Zwar habe der Biolandbau einige klare Vorteile gegenüber der konventionellen Landwirtschaft. Gleichzeitig gebe es aber auch einige Nachteile und viele noch ungeklärte Fragen. Punkten kann der Biolandbau demnach vor allem bei der Artenvielfalt und der Boden- und Wasserqualität: Es gelangen weniger giftige Pestizide und weniger synthetische Düngemittel in diese Lebensräume, außerdem zeigen ökologisch bewirtschaftete Böden weniger Erosion und können mehr Wasser und Kohlenstoff speichern. Letzteres kommt auch dem Klima zugute. Ebenfalls klar positiv wirkt sich die ökologische Landwirtschaft auf die Gesundheit der Landarbeiter aus: "Pestizidvergiftungen verursachen weltweit jedes Jahr rund eine Million Todesfälle und chronische Erkrankungen", berichten die Forscher.

In anderen Aspekten jedoch sind die Vor- und Nachteile weniger klar und können je nach Rahmenbedingungen sehr unterschiedlich ausgeprägt sein. Wie die Forscher berichten, hinken beispielsweise die Ernteerträge im Biolandbau denen im konventionellen Anbau hinterher – je nach Nutzpflanze und Region beträgt der Abstand zwischen fünf und 40 Prozent. Das aber bedeutet: "Um die gleiche Menge an Nahrung zu bekommen, müssten Biobauern ihre Anbauflächen vergrößern", erklärt Seufert. "Doch die Umwandlung von Naturland in Ackerland ist eine der Hauptursachen für die Zerstörung von Lebensräumen und den Klimawandel." Selbst wenn die einzelnen Biofelder eine höhere Artenvielfalt erlauben als konventionelle Äcker, könnte dadurch insgesamt gesehen die Natur leiden. Andererseits ließe sich dies vielleicht vermeiden, wenn der Biolandbau seine Produktivität steigern kann – beispielsweise durch Züchtung neuer Nutzpflanzensorten. "Es wird geschätzt, dass 95 Prozent des ökologischen Anbaus sich auf Pflanzensorten stützen, die für den konventionellen Anbau optimiert sind", sagen die Forscher. "Diese wachsen unter ökologischer Bewirtschaftung aber oft nicht so gut."

Nach Ansicht von Seufert und Ramankutty gibt es daher in der Frage des Biolandbaus kein klares Schwarz oder Weiß. Stattdessen gleiche die Lage eher einer Vielzahl von Grauschattierungen. "Kosten und Nutzen variieren sehr stark je nach Kontext", betont Seufert. Die ökologische Landwirtschaft sei ein Weg, um die Nahrungsversorgung der Menschheit umweltverträglicher zu gestalten – aber nicht der einzige und alleinseligmachende. "Andere Veränderungen in unserem Ernährungssystem, wie die Vermeidung von Abfällen und das Essen von weniger Fleisch, könnten aus Umweltsicht sogar größere Vorteile bringen", so die Forscher. Ihrer Meinung nach sollten wir zudem aufhören, die konventionelle und ökologische Landwirtschaft als ein Entweder – Oder zu sehen. "Stattdessen sollten Verbraucher in beiden Formen bessere Praktiken fordern."

Reload-Capcha neu laden Text der identifiziert werden soll

Bitte geben Sie zusätzlich noch den Sicherheitscode ein!

Rubriken

 


Harte Nuss
Rätsel: Berühmte Entdecker gesucht

 

Der Buchtipp

Der italienische Ökologe und Insektenforscher Gianumberto Accinelli erklärt Dominoeffekte in der Natur kindgerecht und mit einer Prise Humor. Sein Sachbuch ist Wissensbuch des Jahres 2017 in der Kategorie Perspektive.

Zu allen Buchtipps


Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der Konradin Mediengruppe