Eingedämmter Amazonas

Feuchtgebiet in einem Überschwemmungsbereich am Amazonas (Foto: Edgardo Latrubesse)

Das Amazonasbecken umfasst das größte und artenreichste Flussgebiet der Erde – noch. Doch dieser einzigartige Lebensraum ist in Gefahr, warnen jetzt Forscher. Denn hunderte von Staudämmen drohen dem Flusssystem das Wasser und den fruchtbaren Schlamm abzugraben. Werden alle bisher geplanten und im Bau befindlichen Dämme tatsächlich errichtet, könnte dies das rund sechs Millionen Quadratkilometer große Mosaik aus Regenwald, Wasserflächen und Feuchtgebieten für immer und irreversibel verändern.

Wenn vom Amazonasbecken die Rede ist, denken die meisten Menschen zunächst an endlose Regenwälder und die berühmte "grüne Lunge" unseres Planeten. Doch prägend für diese Landschaft in der Nordhälfte Südamerikas sind vor allem ihre Flüsse. Vier der zehn größten Flüsse der Erde strömen hier von Westen her auf den Atlantik zu: der Amazonas, der Rio Negro, der Rio Madeira und der Rio Japura. Dazu kommen noch unzählige weitere Nebenflüsse. "Dieses Flussgebiet leitet rund 16 bis 18 Prozent des gesamten Süßwasserstroms der Erde über seine Mündung in den Atlantik", berichten Edgardo Latrubesse von der University of Texas in Austin und seine Kollegen. Gleichzeitig ist der Amazonas der größte und komplexeste Transporteur von Sedimenten und Mineralstoffen: "Allein 200 bis 300 Millionen Tonnen Amazonassediment werden jedes Jahr entlang der Atlantikküste in Richtung Venezuela und Guyana geschwemmt", so die Forscher. "Diese Sedimente liefern Substrat und Nährstoffe für die größte noch erhaltene Mangrovenregion Südamerikas." Eine noch größere Schlammmenge setzt sich jedes Jahr im Amazonas-Tiefland entlang des Unterlaufs der Flüsse ab und bildet hier die Grundlage für die fruchtbaren Regenwälder und Feuchtgebiete dieser Region.

Mehr als 500 Staudämme

Doch all dies ist in akuter Gefahr, wie Latrubesse und seine Kollegen nun aufzeigen. Denn Staudämme an zahlreichen Oberläufen der großen Amazonas-Flüsse drohen, dem Amazonasbecken seine Wasser und Schlammströme zu nehmen. Schon jetzt sind 140 Staudämme fertiggestellt oder im Bau, darunter auch drei wahre Giganten: "Drei der zehn größten Megadämme zur Stromerzeugung liegen in diesem Gebiet, der Belo Monte-Damm am Rio Xingu sowie der Santo Antonio-Damm und der Jirau-Damm am Rio Madeira", berichten die Forscher. Weitere Megadämme seien in Planung. Insgesamt könnten im Extremfall demnächst 568 Staudämme den Wasserfluss im Amazonasgebiet beeinflussen. Das Problem daran: Bereits in der Vergangenheit haben Studien gezeigt, dass gerade sehr große Staubdämme die Landschaft und Ökosysteme weiter flussabwärts extrem verändern und degradieren können. So sorgt die fehlende Sedimentfracht für verstärkte Erosion und verminderte Fruchtbarkeit der Böden und Flussufer. Ausbleibende Hochwässer lassen Feuchtgebiete austrocknen.

In welchem Maße das Amazonasbecken und seine Lebensräume durch die geplanten und schon im Bau befindlichen Dämme geschädigt werden könnte, haben Latrubesse und seine Kollegen nun ermittelt. Für ihre Studie analysierten sie die Umwelteffekte der Staudämme in den vier Unterbereichen des Amazonasbeckens und entwickelten einen Gefährdungsindex, um die Bedrohung erstmals quantifizieren zu können. Dabei zeigt sich: Vor allem die Flüsse und Landschaften im Einzugsgebiet des Rio Madeira, des größten Zuflusses und Sedimentlieferanten des Amazonas, sind akut bedroht. "Schon jetzt ist dieses Gebiet durch die aktuellen Staudamm-Bauten akut beeinträchtigt", berichten die Forscher. Im Gefährdungsindex erreicht das Madeira-Gebiet nahezu flächendecken Werte von 80 bis 100 – und damit die höchsten erreichbaren Werte. "Und die Umweltaussichten für die Zukunft sehen noch schlimmer aus", konstatieren Latrubesse und seine Kollegen. "Das Madeirabecken ist das bedrohteste des gesamten Amazonasgebiets." Stark gefährdet sind aber auch weitere Amazonasnebenflüsse darunter Rio Tapajós und Rio Ucayali. Denn an beiden sind gleich mehrere neue Staudämme geplant und beide sind die Heimat einzigartiger und seltener Tier- und Pflanzenarten.

"Unumkehrbare Folgen"

Wenn nichts unternommen wird, sieht die Zukunft für das Amazonasgebiet düster aus, warnen die Forscher: "Wenn auch nur ein Bruchteil dieser Dämme gebaut wird, wird dies bedeutende Umweltfolgen haben, die unumkehrbar sind", so Latrubesse und seine Kollegen. "Es existiert keine vorstellbare Technologie, die dann diese Folgen wieder rückgängig machen könnte." Es sei daher dringend geboten, die geplanten Dammprojekte noch einmal zu prüfen und vor allem ihre Umweltfolgen genauer zu untersuchen. Zudem stelle sich die Frage, ob sich die rein zur Stromerzeugung gedachten Projekte überhaupt lohnen: "Jüngste Forschungen zeigen, dass die Baukosten großer Staudämme meist zu hoch sind, um die finanziellen Investitionen wieder einzubringen – und das sogar dann, wenn man die negativen Folgen für Umwelt und Bevölkerung gar nicht berücksichtigt", berichten die Forscher.

Ihrer Ansicht nach müssen die Regierungen der betroffenen Länder in Zukunft nicht nur enger zusammenarbeiten als bisher. Sie sollten auch die Umweltfolgen der Dammprojekte stärker berücksichtigen und einplanen. "Die Amazonasanrainer haben jetzt noch einmal die Chance, über eine nachhaltige Zukunft für ihre einzigartigen Flussressourcen nachzudenken", betonen die Wissenschaftler. "Die Bewohner der Amazonasregion müssen sich letztlich entscheiden, ob die Produktion von Strom aus Wasserkraft diesen hohen Preis wirklich wert ist: die tiefgreifende Schädigung und Zerstörung des artenreichsten und produktivsten Flusssystems der Erde."

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