Sechstes Massenaussterben läuft längst

Der Borneo-Gibbon gehört zu den Wirbeltieren, deren Populationen bereits drastisch geschrumpft sind. (Foto: Gerardo Ceballos)

Das sechste große Massenaussterben der Erdgeschichte ist in vollem Gange. Wie gravierend der Schwund der Artenvielfalt ist, zeigt nun eine neue, erschreckende Bilanz auf. In ihr haben Forscher nicht nur das Aussterben von Arten, sondern auch den Verlust von Populationen weltweit untersucht. Das traurige Fazit: Allein unter den Landwirbeltieren sterben zwei Arten pro Jahr aus, aber rund ein Drittel aller Populationen schrumpfen. Davon betroffen sind längst auch Arten, die nicht als bedroht oder selten gelten.

Es ist ein leises Sterben: Als der letzte Fisch der in Mexiko heimischen Art Megupsilon aporus im Jahr 2014 starb, kümmerte dies kaum jemanden. Auch das Verschwinden der letzten Weihnachtsinsel-Zwergfledermaus (Pipistrellus murrayi) im Jahr 2009 geschah weitgehend im Verborgenen. Diese Arten sind jedoch nur zwei Beispiele des schleichenden Artenschwunds, der auf unserem Planeten vor sich geht. Im Mittel sterben allein unter den Wirbeltieren zwei Arten pro Jahr aus, 200 Spezies sind in den letzten 100 Jahren bereits unwiederbringlich verschwunden, wie Gerardo Ceballos von der Nationalen Autonomen Universität Mexiko und seine Kollegen berichten. Bei den Wirbellosen könnte die Aussterberate noch höher liegen. "Der bisherige Fokus auf dem Verschwinden ganzer Arten vermittelt den Eindruck, dass uns noch Zeit bliebe, den Niedergang der Biodiversität später einmal anzugehen", sagen die Forscher. "Aber das ist ein gefährlicher Irrtum."

Massiver Schwund der Populationen

Wie gravierend der Verlust der Artenvielfalt bereits ist, zeigt sich viel deutlicher auf der Ebene der Populationen, wie die Wissenschaftler erklären. Denn das Verschwinden einzelner Populationen sei bereits die Vorstufe zum Aussterben der gesamten Art. Ebenfalls fatal, aber bisher kaum beachtet, ist die Abnahme der Individuenzahl innerhalb der einzelnen Lebensräume und Gruppen. Denn je weiter sie absinkt, desto gefährdeter wird auch die gesamte Population. Wie es um die Populationen von rund 27.600 Landwirbeltierarten auf unserem Planeten bestellt ist, haben Ceballos und seine Kollegen daher nun untersucht. Ihre Studie umfasst damit rund die Hälfte aller Landwirbeltierarten und bewertet deren Populationsentwicklung in einem globalen Gitternetz aus jeweils 10.000 Quadratkilometer großen Einheiten. Zusätzlich analysierten sie die Entwicklung von 177 Säugetierarten in der Zeit von 1990 bis 2015.

Das traurige Ergebnis: "Die Verlustrate bei den Wirbeltierpopulationen ist extrem hoch – selbst bei den Arten, die bisher als wenig gefährdet angesehen wurden", berichten die Forscher. "Unserer Daten enthüllen einen massiven Puls von Populationsverlusten, eine globale Epidemie des Niedergangs von Arten." Konkret ermittelten die Wissenschaftler für 32 Prozent der Wirbeltierarten sowohl massive Einbußen in der Größe der Populationen als auch in deren Zahl. Unter den Säugetieren haben alle Arte mindestens ein Drittel ihres einstigen Verbreitungsgebiets verloren. Bei 40 Prozent der Arten ist Zahl der noch existierenden Populationen um mehr als 80 Prozent zurückgegangen. Besonders stark betroffen sind dabei die Säugetiere in Süd- und Südostasien, wie die Forscher berichten.

Das sechste Massenaussterben läuft…  (Video: Woods Institute Stanford University)

Massenaussterben weiter fortgeschritten als gedacht

Betroffen sind von diesem Schwund sowohl extrem seltene, stark gefährdete Arten wie der Hainan-Schopfgibbon (Nomascus hainanus), von dem es weltweit nur noch rund 100 Exemplare gibt. Aber auch bei vermeintlich häufigen Arten wie die Rauchschwalbe findet ein schleichender Populationsschwund statt. "Ein Blick auf unsere Karten zeigt, dass rund die Hälfte der Tiere, die einst mit uns die Erde teilten, bereits verschwunden sind, ebenso Milliarden von Populationen", betonen Ceballos und seine Kollegen. "Doch das Aussterben von Populationen ist die Vorstufe für das Aussterben ganzer Arten. Das sechste Massenaussterben der Erdgeschichte ist daher schon viel weiter fortgeschritten als die meisten annehmen." Dieser massive Verlust der Artenvielfalt schadet jedoch nicht nur der Natur, sondern letztlich auch uns Menschen. "Wir dürfen nie vergessen, dass die Kapazität der Erde, Leben zu unterhalten – auch das unsrige – von der Lebenswelt selbst geprägt wird", warnen die Forscher. Schon jetzt beeinträchtige der massive Verlust von Populationen die Dienste, die die Ökosysteme für die Menschheit leisten.

Nach Einschätzung der Forscher bleibt nicht mehr viel Zeit, um die rapide Zerstörung der Natur und ihrer Bewohner aufzuhalten. "Das Zeitfenster für effektives Handeln ist sehr klein, wahrscheinlich bleiben uns maximal zwei bis drei Jahrzehnte", betonen sie. "Denn alle Anzeichen sprechen für noch schwerwiegendere Einbußen der Biodiversität in den nächste zwei Dekaden. Das zeichnet ein düsteres Bild für die Zukunft des Lebens – auch des menschlichen."

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